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Akademie der Muße

 

IMPULS

"Selbstverantwortung"


von Anselm Bilgri

Mitarbeiter und Führungskräfte in Unternehmen klagen zunehmend unter interner Regulierung und eine Zunahme von Zeit, die sie in Meetings verbringen müssen. Das ist nicht nur auf vermehrte gesetzliche Vorschriften zurückzuführen. Auch die Angst vieler, Verantwortung für eventuell entstehende Schäden übernehmen zu müssen, steht dafür Pate.

Diesem Verhalten liegt zum einen die Fehlerkultur in Organisationen zugrunde, die immer einen Schuldigen sucht, statt zukunftsorientiert daraus zu lernen, zum anderen ein Mangel an Selbstverantwortung bei den Betroffenen. Die Flut der in cc gesetzten Emails ist nur ein Indiz dafür. Der Mut und die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, schwindet. Man will sich nach allen Seiten absichern. Das Sicherheitsbedürfnis in unserer „Risikogesellschaft“, wie sie vom Soziologen Ulrich Beck bezeichnet wurde, ist gewachsen, und die Eigenverantwortlichkeit nimmt ab.

Für ein gelingendes Zusammenleben unserer demokratischen, selbstbestimmten Welt sind selbstverantwortliche Bürger aber unerlässlich. Wie können wir die Selbstverantwortung als eine Bürgertugend für unsere Zeit stärken?
 

INTERVIEW


mit Alois Glück, ehemaliger bayerischer Landtagspräsident
zum Thema "Selbstverantwortung"

 
von Gina Ahrend

Was halten Sie von dem Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“?

Dieser gängige Spruch ist mir zu oberflächlich. Richtig ist, dass wir nur mit eigener Anstrengung unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten entwickeln können. Und so unseren Platz im Leben und danach Zufriedenheit erreichen. Falsch ist aber die Suggestion, dass es nur an uns selbst liegt, ob wir „glücklich“ sind oder werden. Das fördert eine falsche Ich-Fixierung und wird rasch zynisch gegenüber Menschen, deren Kräfte begrenzt sind oder die der Hilfe bedürfen.

Einseitige Leistungsorientierung und einseitige Anspruchshaltung sind gleichermaßen falsch und schädlich. Für den Einzelnen und für die Gesellschaft. Unsere heutige Art zu leben ist nicht zukunftsfähig!
Das Projekt „Solidarische Leistungsgesellschaft“ ist die Alternative zur Ellenbogengesellschaft und einer Lebensweise, die nur von Erwartungen und Ansprüchen gegenüber anderen Menschen, der Gesellschaft, dem Staat oder der Politik geprägt ist. Die christliche Soziallehre entfaltet ihr christliches Menschenbild im konkreten Leben. Zum Respekt vor der Würde des Menschen und dem Anspruch auf Selbstbestimmung gehört der Vorrang der Eigenverantwortung vor dem Anspruch auf Solidarität und Hilfe. Das ist auch eine der zentralen Fragestellungen bei Projekten wie bedingungsloses Grundeinkommen. Unsere gegenwärtige Situation wird sehr stark von zwei Extremen beherrscht: einseitige Orientierung auf die Leistung und die Mechanismen des Marktes einerseits. Und als Gegenpol eine immer mehr verbreitete Anspruchshaltung, Konsumenten-Mentalität gegenüber „der Gesellschaft“ und dem Staat. Nach unserem Menschenbild sind Eigenverantwortung und damit die Anstrengung des Einzelnen das Leitbild der „Sozialen Marktwirtschaft“. Das bedeutet eine geradezu geniale Verbindung von den Stärken des Wettbewerbs und des Marktes und dem gleichrangigen Maßstab des sozialen Ausgleichs und der Solidarität. Ein Kernelement ist dabei die Chancengerechtigkeit. (Zur Lebenswirklichkeit gehört auch die Unterscheidung zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit!). Der in der internationalen Wirtschaftsentwicklung, im Prozess der Globalisierung, vorherrschende Vorrang der Kapitalrendite führt zu den schweren Verwerfungen in den Gesellschaften und zwischen den Völkern und ist eine der starken Quellen für die zunehmenden Unruhen in der Welt. Die Alternative dazu ist das Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft.

Zu den größten moralischen Defiziten unserer Zeit gehören die mangelnde Zukunftsorientierung und Zukunftsverantwortung gegenüber den nachkommenden Generationen und fehlende Solidarität gegenüber den Menschen in anderen Regionen in dieser Welt, unserem „gemeinsamen Haus“ (Papst Franziskus Laudato Si‘).

Selbstverantwortung leben ist ein Lern- und Entwicklungsprozess, der mit der Erziehung beginnt. Verwöhnte Kinder werden unfähig zur eigenverantwortlichen Lebensgestaltung und zum sozialen Verhalten. Ein zentrales Ziel von Erziehung und Bildung muss die Förderung selbstständiger und starker Persönlichkeiten sein.
Meine Kindheit (geb. 1940) und Jugendzeit ist geprägt von den Bedingungen der Nachkriegszeit. Das war keine Welt der Rundumversorgung. Weil mein Vater im Krieg gefallen ist, musste ich schon mit 17 Jahren die Leitung unseres landwirtschaftlichen Betriebes übernehmen. Für alle Kinder war es mehr oder minder selbstverständlich, in der jeweiligen Familiensituation bei den Aufgaben des Alltags mitzuhelfen. Insofern ist die heutige Welt des Perfektionismus und der Angebote eine viel schwierigere Ausgangssituation. Zu den fatalen Fehlentwicklungen in der Bildungspolitik zählt, dass als Reaktion auf die Vergleichsteste von Schulergebnissen immer mehr das testfähige Wissen dominiert und somit Persönlichkeitsbildung, Bereiche wie Sozialkultur, kulturelles Verständnis, immer mehr in den Hintergrund rücken.

Lesen Sie hier das komplette Interview.
 

WAS UNS ERWARTET

 

"Innehalten im Weinberg" vom 24.04. - 28.04.2019
Retreat in Schloss Rechtenthal und dem Weingut Manincor/Südtirol

 
„Wein, der das Herz des Menschen erfreut“ (Psalm 104, 15) ist das Motto unseres Retreats „Innehalten im Weinberg“, den wir zusammen mit Sophie Gräfin Goëss-Enzenberg in ihrem Weingut Manincor in Kaltern, Südtirol, veranstalten (www.manincor.com). Manincor ist ein Familienbesitz mit Charme und gleichzeitig das größte Weingut Südtirols, das nur eigene Trauben verarbeitet.

Es erwartet Sie nicht nur Philosophisches und Theologisches zu einem besonderen Getränk, sondern die Begegnung mit einer ganz besonderen Winzerin, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Michael Graf Goëss-Enzenberg seit 1991 dieses bekannte und rein biologisch arbeitende Weingut besitzt und führt. Mit Gräfin Sophie, Anselm Bilgri und Dr. Nikolaus Birkl werden Sie drei Tage lang der Natur in den Weinbergen begegnen, aber auch Zeiten der Stille, Meditationen und wertvolle Impulse für eine gelassene Lebensführung erleben. Nicht zuletzt erwarten Sie auch Ausflüge an besondere Orte des Weines sowie der Genuss der Produkte des Weingutes und der Südtiroler Umgebung.
 
 
Weitere Informationen und Anmeldung hier.

(Fotos: Manincor)


AKTUELLES

 

Diskurse für eine gelassene Lebensführung

mit Barbara Stamm
(bis November 2018 Präsidentin des Bayerischen Landtags)

am 06.11.2018 im Salon Luitpold, Palmengarten des Café Luitpold, München

 

Seit den 70er Jahren ist sie in der Politik aktiv. Zuerst als Stadträtin in Würzburg, dann Abgeordnete im Landtag, Staatssekretärin und schließlich Sozial- und Gesundheitsministerin. Seit 2008 ist sie neben dem Ministerpräsidenten als Vertreterin des Souveräns das weibliche Gesicht des Freistaats. Sie gilt als das soziale Gewissen der CSU und führt seit Jahren die Liste der beliebtesten bayerischen Politiker an. Dabei strahlt sie immer Ruhe und Gelassenheit aus, die sie – so steht zu vermuten – auch anderen Entscheidungsträgern zu vermitteln vermag.

Darüber und über die Grundlagen einer solchen Haltung werden wir, Anselm Bilgri und Dr. Nikolaus Birkl, an diesem Abend mit Barbara Stamm sprechen.

 
Weitere Informationen und Anmeldung hier
 


WAS MICH BEWEGT


von Anselm Bilgri

In den letzten Wochen hat mich besonders das Thema meines Anfang September erschienenen Buches „Bei aller Liebe – Warum die Kirche den Zölibat freigeben muss“ beschäftigt. Der Anlass für mich war der spürbare zunehmende Priestermangel in der katholischen Kirche. Gemeinden werden zusammengelegt, ausländische Priester engagiert, Laien mit Leitungsaufgaben betraut. Die Priester haben dadurch oft gar keine Zeit mehr für die persönliche Begegnung mit den Menschen, sie werden zu bloßen Sakramentenspendern und Verwaltungsbeamten.

Die Aufhebung des Zölibat ist sicher nicht die alleinige Lösung, aber die am leichtesten zu bewerkstelligende.

Völlig ungeplant tauchte zur Zeit der Buchveröffentlichung wieder das Thema Missbrauch in der Kirche auf. Die Studie der Deutschen Bischofskonferenz legte einen möglichen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester offen: Nur ein Prozent der meist verheirateten Diakone, aber sechs Prozent der zum Zölibat verpflichteten Priester werden straffällig. Es ist also höchste Zeit, dass die Kirche sich mit diesem Thema beschäftigt, will sie nicht die Glaubwürdigkeit völlig verlieren.
 

RÜCKBLICK

Symposion am 16.07.2018
zum Thema "Würde"

Anselm Bilgri hatte für seinen Impuls zu diesem Thema einiges zusammengetragen:
Würde (von althochdeutsch wirdî; mittelhoch-deutsch wirde) ist sprachgeschichtlich verwandt mit dem Wort „Wert“ und bezeichnete anfänglich den Rang, die Ehre, das Verdienst oder das Ansehen einer einzelnen Person. (bei den Römern: dignitas bzw. auctoritas)
Umgangssprachlich hat Würde unterschiedliche Bedeutungen:
Im allgemeinen Sprachverständnis bezeichnet Würde den Achtung gebietenden Wert eines Menschen und die ihm deswegen zukommende Bedeutung.
Von Würde im Sinne von Erhabenheit spricht man im Zusammenhang von Ritualen, Institutionen und dergleichen („eine würdige Feier“, „die Würde des Staates“).
Von Würde wird auch im Zusammenhang mit einem Titel, bestimmten Ehren und/oder hohem Ansehen verbundenen Ämtern gesprochen (vgl. die „Würde des Amtes“, etwa des Bundespräsidenten, die „nicht beschädigt werden darf“).
 
Lesen Sie hier weiter.
Symposion am 17.09.2018
zum Thema "Ent-täuschung"


Einige der Teilnehmer bekamen durch den Bindestrich "Ent-täuschung" eine vollkommen neue Sicht auf diesen Begriff. "Wer hat wen enttäuscht, dessen Täuschung nun beendet ist, ent-täuscht wird? Wer ist der Böse?"
Hierzu einige Überlegungen und Gedanken von Nikolaus Birkl in seinem Impuls:
Das menschliche Leben ist eingebettet in den ewigen Fluss der Zeit, in dem wir nicht sicher erkennen können, wie sich die Zukunft gestalten wird. Aber wir müssen uns täglich, stündlich, minütlich in der Gegenwart für die Zukunft organisieren und zu diesem Zweck ununterbrochen Entscheidungen treffen. Dies ist uns nur möglich, wenn wir die ungenauen und oft nur ungefähren Vorstellungen über das, was wir erleben, übernehmen, die uns unser limbisches System in der Regel alle drei Sekunden anbietet. Oder wir denken intensiv über eine Situation nach und bearbeiten, reflektieren das, was wir in uns als real erkannt haben. Aus dem Ergebnis entwickeln wir immer Vorstellungen und Erwartungen an die Zukunft und stellen uns darauf ein....

Lesen Sie hier den gesamten Impuls.
 

BUCH-TIPP


Michael Bordt SJ „Die Kunst, die Eltern zu enttäuschen. Vom Mut zum selbstbestimmten Leben“
Bordt, Jesuit und Philosoph, plädiert dafür, sich gegenseitig von Zuschreibungen zu befreien und innerhalb der Familie – aber nicht nur da – ins Gespräch zu kommen. Dabei muss es nicht unbedingt so richtig krachen – obwohl das manchmal befreiend wirken kann. Sondern es geht darum, dass auf positive Weise ein realistisches Bild des Gegenübers gewonnen wird und alte Rollenmuster aufgebrochen werden. Es fällt schwer, die einmal getroffene Einschätzung eines Menschen zu revidieren oder zu erweitern und eine neue Sicht auf eine Person zuzulassen. Menschen machen Erfahrungen, schöpfen bislang ungenutzte Potenziale aus, neue oder verborgene Facetten kommen zum Vorschein und werden gelebt. „Das Wort sagt es ja schon: Ent-Täuschung – eine Täuschung wird genommen. Ich befreie mich davon, dass jemand etwas in mir sieht, was ich nicht bin.“ sagt Bordt und wertet dies als ein Angebot für eine ehrlichere, tiefere Beziehung.
Das Buch ist im Verlag Elisabeth Sandmann erschienen, die ungekürzte Hörbuchfassung (2 Audio CDs), vom Autor selbst gelesen im Bonnevoice Hörbuchverlag.
 


Michael Kleeberg „Der Idiot des 21. Jahrhunderts – Ein Divan“
Ein Kreis von Freunden trifft sich und versucht, über Freundschaft und Gesellschaft nicht nur nachzudenken, sondern auch Utopien eines anderen Zusammenlebens zu verwirklichen. Dabei: Ein Lehrer in Frankfurt, ehemals Doktorand der Philosophie, dann Aussteiger; eine iranische Sängerin die zur Zeit der Revolution auswandern musste; ein libanesischer Pastor; ein polnischer Handwerker; ein Ex-Sponti, der einen Verein für Jugendsozialarbeit leitete, und seine Frau; ein arabischer Lyriker. In einem kaleidoskopischen Roman in zwölf Büchern erzählt Michael Kleeberg ihre Geschichten und begibt sich zu den Wurzeln ihrer Kulturen. Es geht um Liebe und Freundschaft, um Utopien und Dystopien, Träume und Politik, Christentum und Islam, Leben und Tod: „Kein Buch der Gewissheiten, ein Buch der Suche“.
Erschienen im Verlag Galiani, Berlin

VERANSTALTUNGEN

 
06.11.2018                         Salon Luitpold
                                           "Diskurse für eine gelassene Lebensführung"
                                           mit Frau Barbara Stamm, bis 11/2018 Präsidentin des Bayerischen Landtags,
                                           Anselm Bilgri und Dr. Nikolaus Birkl
                                           Ort: Palmengarten des Café Luitpold, München
                                           Beginn: 20 Uhr
                                          
Eintritt frei

19.11.2018                         Symposion
                                           Thema: "Dankbarkeit"
                                           Moderator: Anselm Bilgri
                                           Preis: 20 €*
                                           (zzgl. Essen und Getränke à la carte)
                                           Ort: Conti Restaurant, Max-Joseph-Str. 5, 80333 München
                                           Beginn: 19 Uhr

14.01.2019                         Symposion
                                           Preis: 25 €*
                                           (zzgl. Essen und Getränke à la carte)
                                           Ort: Conti Restaurant, Max-Joseph-Str. 5, 80333 München
                                           Beginn: 19 Uhr

11.03.2019                         Symposion
                                           Preis: 25 €*
                                           (zzgl. Essen und Getränke à la carte)
                                           Ort: Conti Restaurant, Max-Joseph-Str. 5, 80333 München
                                           Beginn: 19 Uhr

24.04. – 28.04.2019           Innehalten im Weinberg
                                           mit Sophie Gräfin Goëss-Enzenberg, Anselm Bilgri, Dr. Nikolaus Birkl
                                           Preis: 2.261 €* (ohne Unterkunft und Verpflegung)
                                           Ort: Schloss Rechtenthal, Tramin (Südtirol, Italien)

08.05. – 12.05.2019          Tage des Innehaltens (Retreat für Führungskräfte)
                                           Referenten: Anselm Bilgri, Dr. Nikolaus Birkl, Dr. Georg Reider
                                           Preis: 2.142 €* (ohne Unterkunft und Verpflegung); bei
                                           wiederholter Teilnahme abzgl. 214,20 €* pro Folge-Seminar,
                                           mind. jedoch 1.190 €*
                                           Ort: Schloss Rechtenthal, Tramin (Südtirol, Italien)

*alle Preise inkl. 19 % MwSt.
 
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DAS NÄCHSTE MAL

Unsere Interviewpartnerin im nächsten Newsletter wird Sabine Magnet sein. Wir befragen die Autorin und Journalistin zum Thema „Achtung“.

Sabine Magnet studierte Kommunikationswissenschaft, Politik, Soziologie und Spanisch an der Münchner LMU und absolvierte eine Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Anfang 2018 ist ihr Bestseller erschienen:

„Und was, wenn alle merken, dass ich gar nichts kann?
Über die Angst, nicht gut genug zu sein. Das Impostor-Phänomen“
(mvg)



IMPRESSUM

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82166 Gräfelfing

Tel. +49 89 87130008
oder +49 172 8202315
http://www.akademie-der-musse.de


Fotografie

Jürgen Müller (Hamburg)

Redaktion

Gina Ahrend
Evi-Maria Hammer

 

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