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Hi Freunde von Flip,

klar, etwas Gutes tun wollen viele von uns. Aber wie? Unternehmen entscheiden sich oft für einen relativ einfachen Weg: Sie spenden einen kleinen Teil ihres Gewinns für eine gute Sache.

Für die Gründer von Heyho war schnell klar, dass ihnen das nicht reicht. "Mir hat irgendwie das Echte daran gefehlt", sagt Stefan Buchholz, der vor seinem Unternehmer-Leben eine Einrichtung für Wohnungslose geleitet hat. Nun produziert er mit Heyho Müsli – zusammen mit Ex-Häftlingen, Ex-Junkies und psychisch Erkrankten. Das ist das eigentlich Ziel des Unternehmens: Menschen, die vom Arbeitsleben ausgegrenzt werden, wieder eine Chance zu geben.

Heyho ist diese Woche unsere Kandidat für den Flip der Woche. So nennen wir konkrete Ideen, die zu einer besseren Wirtschaft beitragen können. In der vergangenen Woche hatten wir Euch das Divestment vorgestellt – eine Strategie, mit der Aktivisten dreckigen Energieunternehmen den Geldhahn zudrehen wollen. Für 89 Prozent von Euch war das ein Flip, 11 Prozent haben mit Flop gestimmt. Wir sind gespannt, was Ihr von Heyho haltet!

In unserem Flip-Ticker halten wir Euch auch diese Woche über wichtige Ereignisse und Initiativen auf dem Laufenden. Und wie immer freuen wir uns auf Euer Feedback!

Euer Flip-Team

Was Dich in dieser Flip-Ausgabe erwartet:
  1. FLIP IT: Wie Heyho mit Müsli gegen Ausgrenzung kämpft
  2. VOTE: Heyho Müsli - Flip oder Flop
  3. FLIP TICKER: Luxemburg-Trick + Plastik statt Glas + Die 70.000-Dollar-Frisur 
  4. THINK FLIP: Der Knotenkünstler Jens Risch über den Kapitalismus
FLIP IT!
Wie Heyho mit Müsli gegen Ausgrenzung kämpft
In Lüneburg rösten Menschen mit bunten Biografien buntes Müsli

  Was ist eigentlich das Problem? 

Ex-Häftlinge, Ex-Junkies und psychisch Erkrankte haben kaum eine Chance, Arbeit zu finden. Die Gründer von Heyho aus Lüneburg wollen das ändern – und ließen sich vom amerikanischen Zen-Meister Bernie Glasmann inspirieren. Der Buddhist gründete 1982 eine Bäckerei, die Greyston Bakery, um Menschen zu beschäftigen, die sonst keiner anstellen würde. Das Motto: "No questions asked." Die Bäckerei wurde ein Riesenerfolg und liefert heute etwa die Cookies für die bekannte Eismarke Ben & Jerry’s. Dort arbeiteten Tim Duffner und Christian Schmidt, zwei der Heyho-Gründer. Zufällig stießen sie auf Stefan Buchholz, der 15 Jahre eine Einrichtung für Wohnungslose geleitet hat. Zwei Experten für schicke Marken und ein Sozialwirt. Ende 2015 gingen sie ein Bier trinken und sagten sich...

  Das muss doch auch in Deutschland gehen!?

Klar, in Deutschland gibt es einen sehr viel besser ausgebauten Sozialstaat als in den USA, aber das heißt noch lange nicht, dass Menschen mit gebrochenen Biografien, die mal in Haft oder drogenabhängig waren, hier einfacher eine reguläre Beschäftigung finden. Häufig sind sie über viele Jahre arbeitslos, nicht wenige auch wohnungslos. Im Bürokratendeutsch heißen sie “Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen”.
 

“Da sind viele Menschen dabei, die großes Potenzial haben, aber die sind stigmatisiert. Da haben wir gesagt: Wenn andere die Tür zumachen, machen wir sie auf.”

(Stefan Buchholz, Ex-Sozialarbeiter & Co-Founder von Heyho)
 

Heute beschäftigt Heyho rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mindestens ein Drittel von ihnen hat einen “bunten Background”, wie sie das nennen. Darunter ehemals Heroin- und Alkohol-Abhängige, Ex-Häftlinge und psychisch Erkrankte.

Und funktioniert das auch?

Das wollten wir auch wissen und sind nach Lüneburg gefahren. Im dortigen Gewerbegebiet hat Heyho seine kleine Produktionshalle. Darin steht zwar erst ein Ofen (drei passen rein), aber geröstet werden auch jetzt schon 200 Kilo Granola am Tag. Ist übrigens alles Handarbeit, da hat Felix genau drauf geachtet 😉 

Links: Heyho-Mitarbeiter Milad, der nach seiner Flucht aus dem Iran mit verschiedenen Problemen zu kämpfen hatte. Rechts: "Lebensmittelkontrolleur" Felix von Flip

Was muss man noch wissen? Hier die Punkte, die wir wichtig finden:

1. Ein richtiges Unternehmen
Heyho bezeichnet sich selbst als "soziale Müslirösterei", ist aber ganz bewusst kein Sozialträger oder gemeinnütziger Verein, wo schwer vermittelbare Arbeitslose sonst oft einer Beschäftigung nachgehen. Heyho ist rechtlich ein ganz normales Unternehmen. Allerdings hat es sich im Gesellschaftsvertrag verpflichtet, dass mindestens ein Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besondere Biografien haben muss. Motto: “Wir stellen keine Leute an, um Granola zu rösten, wir rösten Granola, um Leute einzustellen.” Sollte die Firma irgendwann mal Gewinn erwirtschaften, soll die Hälfte davon in Projekte gehen, die Wohnungslose unterstützen.

2. Echte Arbeitsverträge, keine Ein-Euro-Jobs
Aus seiner Arbeit in der Wohnungslosenhilfe kennt Stefan Buchholz die von den Jobcentern vermittelten Ein-Euro-Jobs, die Langzeitarbeitslosen meist nicht helfen, auf dem regulären Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. "Da verdienen alle fettes Geld, nur die Arbeiter kriegen 'nen Euro, das hat mich angekotzt", sagt er.

Bei Heyho läuft das anders: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verdienen denselben Lohn, unabhängig davon wie produktiv sie sind. Der Grundsatz lautet: Jeder soll zehn Euro netto pro Stunde verdienen, also deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn. Der liegt bei momentan bei 9,35 Euro brutto pro Stunde, Heyho zahlt über 13 Euro. Auch die "bunten" Kolleginnen und Kollegen erhalten einen ganz normalen Arbeitsvertrag. Sie sind also auch rechtlich vollwertige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Das ist, na klar, eine ganz andere Form der Anerkennung als in bloßen Beschäftigungsmaßnahmen.

3. Ganz schön anstrengend...
Perspektive, Sinn und Struktur, wo es zuvor keine gab, das ist das Ziel. Klingt gut, kann im Arbeitsalltag aber auch anstrengend sein. Ein Beispiel: Ein depressiv erkrankter Mitarbeiter mit einer Ordnungsmanie treibt die Kolleginnen und Kollegen mit seiner Pingeligkeit mitunter in den Wahnsinn. Legt man eine Schere einmal nicht dorthin zurück, wo sie hingehört, schließt er sie einfach weg, egal ob auch andere sie brauchen. "Damit muss man umgehen können", sagt Stefan Buchholz. Und den Mitarbeiter möglichst dort einsetzen, wo die Ordnungsmanie auch Vorteile hat, zum Beispiel im Versand. "Wenn etwas bei einem Auftrag nicht stimmt, merkt der das sofort", sagt Mitgründer Christian Schmidt. "Das hat uns auch schon den Arsch gerettet."

4. Staatliche Unterstützung
Wenn Langzeitarbeitslose wie bei Heyho eine echte Perspektive bekommen, fördert das die Bundesregierung. Dafür gibt es seit Anfang 2019 das Teilhabechancengesetz. Der Staat beteiligt sich für maximal fünf Jahre an den Lohnkosten. Wenn jemand zuvor über sechs Jahre lang arbeitslos war, gibt's zu Beginn sogar hundert Prozent, bevor die Förderung schrittweise sinkt. Bisher wurden so über 42.000 Menschen gefördert

   Was sagen die Experten?

Wir haben mit Dr. Peter Kupka gesprochen, der am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Förderinstrumente des Sozialen Arbeitsmarkts auswertet. Er sagt, bis jetzt habe er noch nicht in großem Umfang beobachten können, dass Betriebe wirklich neue Arbeitsplätze mit sozialer Ausrichtung geschaffen haben. Eher versuchten Arbeitgeber vorhandene Arbeitsplätze mit schwer vermittelbaren Menschen zu besetzen und dafür die Tätigkeiten etwas anzupassen. Und zu Heyho sagt er:


»Das ist wirklich etwas Neues. Dass ein Betrieb sich dafür gründet, soziale Arbeitsplätze zu schaffen, ist mir noch nicht untergekommen.«


Wir haben außerdem mit Prof. Dr. Martin Brussig gesprochen, der am am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen ein Forschungskonsortium zum Sozialen Arbeitsmarkt leitet. Er sagt:
 

»Beschäftigungsverhältnisse für schwer vermittelbare Arbeitslose sind dann förderlicher, wenn sie marktnäher sind, der Arbeitgeber also auch eine schwarze Null schreiben muss. Das erhöht das Zugehörigkeitsgefühl.«


Eine Bezahlung deutlich oberhalb des Mindestlohns wie in diesem Fall sei mehr als auf dem Sozialen Arbeitsmarkt normalerweise üblich. Zumal der Umgang mit betreuungsintensiven Menschen für Arbeitgeber einen erheblichen Extra-Aufwand über die reinen Lohnkosten hinaus bedeute. Davor schreckten viele zurück. 

   Und wie schmeckt's?

Das Bio-Müsli gibt es in sechs verschiedenen Sorten in rund 300 Alnatura-Märkten, in diversen Unverpackt-Läden oder online bei Heyho im "Granola Shop". Ein Glas mit rund 300 Gramm kostet 6,86 Euro.

Lucias Test-Frühstück: Würde sich auch gut auf Instagram machen 😉

Wir haben unsere gute Freundin Lucia Schmitt gebeten, die beliebteste Sorte "Saltcity Original" für uns zu testen. Sie röstet nämlich selbst gerne Granola, ist also quasi Müsli-Expertin. Lucia hat uns nicht nur Instagram-taugliche Bilder von ihrem Frühstückstest geschickt. Sie hat uns auch eine Sprachnachricht mit ihrer Bewertunggeschickt. Hört gerne mal rein.

Heyho Müsli - ein Flip oder ein Flop?


Unsere Einschätzung: Heyho gibt Menschen neues Selbstbewusstsein und eröffnet Perspektiven. Das Müsli ist verdammt lecker, die Gründer-Truppe sehr sympathisch. Wir finden: Ein so mutiges, junges Sozialunternehmen verdient es, bald schwarze Zahlen zu schreiben.
 
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FLIP TICKER

Der Luxemburg-Trick 
 

Worum gehts? Der Wohnungsmarkt in vielen deutschen Städten ist äußerst angespannt +++ Das liegt auch an internationalen Investoren, die mit Immobilien spekulieren +++  Eine Studie im Auftrag des Grünen-EU-Abgeordneten Sven Giegold hat sich den Berliner Wohnungsmarkt genauer angesehen  +++  Die Ergebnisse zeigen, dass die Investoren wohl nicht nur die Mieten treiben. Sie zahlen auf ihre Profite auch kaum Steuern +++ 


Wie kann das sein? Die Investoren nutzen Steuerschlupflöcher +++ Eine Schlüsselrolle spielt dabei Luxemburg +++ Die in Deutschland erzielten Gewinne werden über Luxemburg und komplizierte Firmengeflechte in Steueroasen verschoben +++ Dort werden dann nur sehr niedrige oder gar keine Steuern fällig +++  Schon die Lux-Leaks vor sechs Jahren haben gezeigt, wie zentral die Rolle Luxemburgs bei der Steuervermeidung ist +++ 

Was kann ich tun? Wirklich helfen würde nur eine gesetzliche Regelung +++ Als gutes Vorbild nennt die Studie Dänemark ++ Hier werden Zinsflüsse an Mutterkonzerne außerhalb der Landesgrenzen besteuert +++ Das macht das Verschieben von Gewinnen in Steueroasen schwieriger +++ Eine tolle Initiative zum Mitmachen ist die Crowdrecherche "Wem gehört die Stadt" von Correctiv +++  Sie ermittelt die oft undurchsichtigen Eigentumsverhältnisse auf dem Immobilienmarkt +++ Aktuell steht das Saarland im Fokus +++

 

Plastik statt Glas
 

Aldi Süd hat einen Test mit Mehrwegflaschen bereits nach wenigen Monaten beendet  +++ Vor allem die großen Discounter wie Aldi und Lidl setzen auf Einweg-Plastikflaschen statt auf aufwendigere Mehrwegsysteme mit Glasflaschen +++ Laut Verpackunsgesetz soll die Mehrweg-Quote im Einzelhandel bei 70 Prozent liegen, wird aber seit Jahren unterschritten +++ Sanktionen müssen die Discounter derzeit nicht befürchten, die Quote ist bloß eine politische Zielvorgabe +++ Die Folge ist eine Einwegflut: Die Deutsche Umwelthilfe rechnet vor, dass jede und jeder Deutsche fast 200 Einweg-Plastikflaschen pro Jahr verbraucht, zusammen sind das 16,4 Milliarden Plastikflaschen pro Jahr +++ Die Umwelthilfe und andere Verbände fordern deshalb ab 2022 zusätzlich zum Einwegpfand eine "Lenkungsabgabe von 20 Cent pro Plastikflasche" +++

Die 70.000-Dollar-Frisur


Investigativjournalisten versuchen seit Jahren, die Steuerunterlagen von Donald Trump in die Finger zu bekommen +++ Die New York Times hat es mit "The President's Taxes"  jetzt geschafft +++ Demnach zahlte der angebliche Milliardär Trump zuletzt gerade einmal 750 Euro an Einkommenssteuer pro Jahr +++ Vor vier Jahren sagte Trump in einer TV-Debatte mit Hillary Clinton noch: "I'm smart for not paying taxes" +++ In der TV-Debatte mit Herausforderer Joe Biden am Dienstag behauptete er dann auf die Recherchen angesprochen: "I paid millions of dollars in taxes" +++ Mit welchen Tricks Trump die Steuer umging und was das mit Friseurrechnungen für 70.000 Dollar zu tun hat, erklärt Comedian Trevor Noah hier +++

THINK FLIP
»Die Menschen kaufen, erleben, kommunizieren so viel, dass ich mich frage, was davon noch bei ihren Seelen ankommen kann. Alles ist so grell und schnell, dass leise, zarte, komplexe Reize auf der Strecke bleiben.«
 
(Jens Risch, Knotenkünstler)
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Der Künstler Jens Risch macht Knoten in einen Seidenfaden, seit 20 Jahren, einen nach dem anderen, vier Stunden am Tag, jeweils zwei samstags und sonntags. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (€) spricht er über den Kapitalismus. Und über Geld. Davon habe er zwar genug, aber zu wenig selbst verdientes, um gesellschaftliche Anerkennung zu bekommen. In den 20 Jahren, in denen er Knoten macht, konnte er sich sechs Jahre lang selbst finanzieren. 

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