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Hamburg & Paris, den 25. September 2021
lettre
#010
 
edition

Qual der Wahl
 
Bonjour à toutes et à tous!
 
Wir haben lange nichts von uns hören lassen, stimmt! Aber auch wir kommen zurück aus einer langen Sommerpause und setzen uns mal wieder gemeinsam hin, um hier ein paar Zeilen zu schreiben und zu versenden. Herzlich willkommen zu der zehnten Ausgabe unseres kleinen Newsletters!

Wir verfolgen aktuell beide für uns persönlich wichtige Projekte, die bei uns gerade einfach viel Raum einnehmen. Und das ist auch gut so. Jan versucht sich in der Selbstständigkeit und Felix versucht sich in der Jobfindung. Wir zwei sind in einer wichtigen Findungsphase und das gilt ehrlicherweise auch noch für das Thema der nächsten Newsletterausgabe. Aber wir beide verfolgen auch die anstehende Bundestagswahl und wir wollten diesen Newsletter nutzen, um über die Qual dieser Wahl zu schreiben (dabei geht es uns nicht darum, dass es so viel gutes Angebot gibt). Gewissermaßen ist diese Ausgabe also eine Sonderausgabe, der nächste „richtige“ Newsletter kommt dann, wenn es so richtig Herbst wird.

Es gilt wie immer: Wir versuchen hier einen kleinen Einblick zu gewähren in die Musik, die wir gerne hören oder die Gedanken, die uns gerade umtreiben. Es ist ein Projekt von Freunden für Freunde, deshalb findet das Ganze ohne Werbung oder Zahlung statt, sondern einfach so. Wenn es gefällt, dann freuen wir uns. Wir freuen uns auch über eine Nachricht und natürlich auch über neue Abonnenten und Abonnentinnen durchs Weitersagen. Oh, und ein Archiv mit allen bisherigen Newslettern haben wir auch. Jetzt aber zurück zum Text und diesem Tweet:
 
Wir sind uns einig: Diese Wahl ist unglaublich wichtig. Leider fehlt in Deutschland eine politische Öffentlichkeit aus Medien und Zivilgesellschaft, die das adäquat reflektiert. Und: Wir sind erst mal heilfroh, wenn dieser Wahlkampf am Sonntag vorbei ist. Genau darum geht es in diesem Newsletter: um das Klima vor der Wahl.

Erstens wollen wir darauf anstoßen, dass die Qual der Bundestagswahl zunächst mal vorbei ist. Und zweitens, um eine Reflexion zu wagen, wie das alles so unglaublich schiefgehen konnte – beides ohne dabei die Ergebnisse oder Folgen der Wahl vorwegnehmen zu wollen.

Prost!
Wer beim Lesen einen Artikel, Link oder ganze Passagen treffend findet, kann diesen Newsletter gerne weiterleiten an Freunde! Es geht schließlich um Einiges am Sonntag.
Komisch, echt.

Es ist ganz merkwürdig, dieser Zeitpunkt jetzt. Und wir möchten ganz ehrlich sein: Für uns als junge Menschen fühlt sich das echt ungut an. Wir stehen vor einer Wahl, die nicht nur die nächsten vier Jahre bestimmt, sondern viel weiter reicht als das. Es ist vielmehr eine Jahrhundertwahl, vor der wir stehen. Offensichtlich allerdings gelingt es nicht, einer Mehrheit die Bedeutung der Bundestagswahl bewusst zu machen.
Was wir wahrnehmen: Memes über den staatsmännischen Olaf Scholz(omat), der im letzten Triell endlich mal Persönlichkeit hat durchblicken lassen. Eigentlich nur Lachen und entgeistertes Kopfschütteln über Armin Laschet, der wirkt wie jemand, der sich aus der Vergangenheit in die Zukunft verirrt hat und nicht so recht weiß, wie ihm geschieht. Und Hadern mit Annalena Baerbock, die zwar faktensicher und argumentativ stark im Wahlkampf für Aufbruch wirbt, aber leider zuvor ein fragwürdiges Buch und einen fehlerhaften Lebenslauf produziert hat. Und so können wir uns darüber auslassen, dass wir alle drei Kanzlerkandidaten und -Kandidatinnen letztlich für ungeeignet halten. “Wow, hast du gesehen, was Laschet jetzt gemacht hat???” Ein schönes Gefühl der Erhabenheit ist das. Das ist doch Distinktionsgewinn: Wir sind immerhin nicht so bescheuert wie die anderen. Wir wählen dann halt das geringste Übel. Oder in Deutschland vielmehr was am wenigsten Veränderung mit sich bringt. Kollateralnutzen: wir können weiter günstig nach Malle fliegen. Scheinbar ist das bequem und hey, vielleicht kommt ja noch etwas mehr Rente dabei raus.
Zwischen Festland und Inselleben, Kroatien, 2021
Musik N°1
Sophia Kennedy - Seventeen & Up

Sophia Kennedy, Teil des DJ Koze Kosmos, macht Popmusik, so wie wir sie gerne mögen: ein wenig verspielt, genreübergreifend und mit viel Groove. Ihr aktuelles Album Monsters ist ein herrlicher Trip. Es ist sicherlich kein einfaches Album, aber es lohnt sich, sich damit ein wenig zu beschäftigen, denn es gibt viel zu entdecken. Versteckt zwischen düsteren Sounds und schiefen Harmonien verbirgt sich eine großartige Schönheit. Seventeen und Up sind zwei gute Beispiele für diesen aufregenden Pop, der es schafft, spannend zu sein, ohne sich dabei mühselig gewollter Extravaganzen bedienen zu müssen. So wie Labelchef DJ Koze Techno zwischen Club und Mainstream zu platzieren weiß, so schafft Sophia Kennedy es Pop wieder für viele interessant und hörbar zu machen.
What do you associate with Berlin? "Unpaid work." - Sophia Kennedy
Veränderung kommt, so oder so.

Leider nur geht das Kalkül der möglichst minimalen Veränderungen nicht auf, wenn man die Klimakrise verstanden hat. So schreibt Teresa Bücker richtigerweise, “Wenn der durchschnittliche deutsche Wähler keine Veränderung mag, dann ist es die letzten Jahrzehnte nicht gut von ihm durchdacht gewesen, immer wieder für Parteien zu stimmen, die zu wenig dafür getan haben, die Klimakrise zu verhindern. [...] In den von der Flutkatastrophe zerstörten Orten in NRW und Rheinland-Pfalz wird die enorme Veränderung im Leben einzelner Menschen plastisch daran, dass sie von einem Tag auf den anderen das eigene Zuhause verloren haben und mit ihm die vertraute Umgebung um sich herum.”

Im aktuellen Wahlkampf versprach Olaf Scholz, der gegenwärtige Favorit auf das Kanzleramt, den Wählerinnen und Wählern einen „moderaten Weg“ im Klimaschutz und beim CO2-Preis. Schade nur, dass es den nach 16 Jahren CDU-Regierung (davon 12! Jahre zusammen mit der SPD) aufgrund der schwerwiegenden Versäumnisse in der Klimapolitik (übrigens auch in der Digitalpolitik!) schlichtweg nicht mehr gibt. Lediglich „radikale“ Veränderungen, wie z. B. ein sofortiger Kohleausstieg und der massive Ausbau erneuerbarer Energien, bieten Deutschland die Chance dafür, dass wir „moderate“ Veränderungen in Zukunft überhaupt haben können. Bernd Ulrich hat diese „neue politische Logik“ in einem Artikel in der ZEIT hervorragend beschrieben: „Der moderate Weg ist der extreme“.

Wir laufen schnurstracks auf 2,7 °C Erwärmung zu, selbst wenn sich alle Staaten an ihre derzeitigen Verpflichtungen hielten. Dabei täuschen auch Armin Laschet und sogar Annalena Baerbock (wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß) die Wählerschaft durch „eine Politik der vermeintlichen Zumutungslosigkeit“. Laut Ulrich sei es auch den Grünen nicht gelungen, die gewaltigen politischen Energien dieser Herausforderung Klimakrise wirklich zum Vorschein zu bringen. Das stimmt. Allerdings agierten die Grünen auch nicht in einem luftleeren Raum, sondern in einem System von konkurrierenden Parteien, Mehrheiten, Medien, verschiedenen Altersgruppen und weiteren Akteuren z. B. aus Russland, die Einfluss nahmen auf den Bundestagswahlkampf und den politischen Diskurs im Land. Wir schauen uns das mal an.
Die Medien und die Entpolitisierung der Politik.

Das Erwachen kommt bereits vor der Entscheidung, so offensichtlich haben die deutschen Medien und ihr Kosmos insgesamt leider keine besonders gute Rolle während des Wahlkampfs gespielt. Besonders deutlich macht das Peter Unfried in seinem Essay in der tageszeitung, aus welchem wir gerne ein paar Punkte herausgreifen möchten. Zunächst ein mal beschreibt er dort den entpolitisierenden Personenkult, der in Konflikt steht mit unserem Wahlsystem von Direktmandaten und Zweitstimme für eine Partei. Durch die Fokussierung auf einzelne Personen und ihre scheinbaren Rollen und Charaktereigenschaften bleibt „die Hochstaplerin, der Clown und dann Scholz als Last Man Standing“. Eine so wichtige Wahl ist wirklich keine Geschmacksfrage des gut sitzenden Anzugs, oder wer sympathisch rüberkommt. Es ist eine politische Frage: Sind wir bereit dazu, zukünftige Generationen, unsere Kinder, deren Freiheit und uns selbst zu schützen? Außerdem verschiebt der Fokus auf einen falschen Lacher die Aufmerksamkeit weg von den wirklich deftigen Skandalen der Korruption, Maskendeals, CumEx und Wirecard. Nebenbei gesagt: Das Video von Rezo dazu ist übrigens wirklich gut gemachter Journalismus und sehenswert. Auch der Podcast Wohlstand für Alle, der Wirtschaft sehr schön erklärt, hat sich übrigens den Wahlprogrammen der im Bundestag vertretenen Parteien gründlich gewidmet und bietet damit einen Überblick über alle möglichen Politikfelder.
 
Lena, Pag, 2020
Musik N°2
Flavian Berger - Contre Temps
& Daniel Avery - Into the Voice of Stilness

Elektronisch produziert, poetisch und experimentell – das verbindet für mich die Musik von Flavien Berger und Daniel Avery, weshalb ich die zwei hier gemeinsam empfehlen möchte. Flavien Berger ist für mich ein Wunderkind des neuen französischen Chansons und macht einfach wahnsinnig coole Musik. Contre Temps bedeutet ja in etwa gegen die Zeit und damit gleichzeitig gegen den Takt, was mich ein bisschen an dieses musikalische Experiment mit Angèle und Chilly Gonzales erinnert. Beides unbedingt anhören! Daniel Avery ist Brite, setzt aber trotzdem auf einen französischen Monolog, der seinen Weltraum-Traum-Track Into the Voice of Stillness unterlegt. Den Track habe ich von meinem Freund Francois, merci! Auf eine andere Art und Weise als Berger, experimentiert Avery mit psychedelisch-elektronischer Musik, und das sehr geschickt. Wer braucht dann eigentlich noch den privaten Weltraum Quatsch von Bezos oder Musk?
Das Versagen der Medien.

Trotz einiger genannten Ausnahmen, besonders in den neuen Medien, ist es den ganzen langen Sommer über den Medien insgesamt nicht gelungen, so analysiert Peter Unfried scharf:

“[...] die bundesrepublikanischen Dauerregierungsparteien Union und SPD aus ihrem Modus des letzten Jahrhunderts zu holen, aus einer fossil befeuerten Boomer-Welt, in der Leute unter 30 keine Rolle spielen und man endlos weiter reden will über Mindestlohn ja oder nein, Steuererhöhungen nein oder ja.”

Das “wichtigste” Thema des Wahlkampfes - das Klima - wird zwar auffällig oft erwähnt, aber damit witzigerweise auch schon gleich wieder abmoderiert. Geht es ums Klima, dann geht es nicht etwa um unsere Nähe zur Katastrophe, oder die besten Lösungen, um diese abzuwenden, sondern darum, was Klimaschutz kostet. Man denke nur an den eingangs zitierten Tweet. Was kostet das? Wer soll das bezahlen? Worauf verzichten Sie persönlich? Was wird verboten? Überall wurden in Talkshows und Leitartikeln klimapolitische Maßnahmen mit dem verglichen, was man schon hat und nicht mit dem, was man bekommt, wenn man sie unterlässt. Was kostet ein höherer CO2-Preis die Krankenschwester auf dem Land, die sich keinen Neuwagen leisten kann, und nicht: Was kostet uns alle 0,5° C Erwärmung, uns alle – und die Krankenschwester.

So verbreitete noch im letzten Triell die Moderatorin von CDU-TV – äh Verzeihung – Sat.1 etwas wie „Irgendwie klingt grünes Leben so ein bisschen anstrengend“. Man hätte natürlich erwidern können, dass es im Ahrtal gerade „anstrengend“ ist, aber das wäre Baerbock als „allzu schrill“ und gewollt ausgelegt worden. Erfolgreicher ist man im Triell paradoxerweise, wenn man wie Olaf Scholz „ein Wohlbehagen mit der eigenen Lebensform [demonstriert], das sie mit recht großer Wahrscheinlichkeit an ihr Ende führt.“ Klar, nachdem man irgendwann eine gefühlte Ewigkeit lang gehört hat, wie teuer Klimaschutz ist, haben die Menschen verständlicherweise Angst vor höheren Spritpreisen. Hier fehlt den Medien und Journalisten die richtige Sprache, mehr noch fehlt eine Interventionsfähigkeit, die sich an Fakten, Wissenschaft und Kritik als Praxis orientiert, aber auch einfach vielfach das notwendige Verständnis für das 21. Jahrhundert und seine Herausforderungen. In ihrer Bedeutung durchdrungen haben viele einflussreiche Journalistinnen zu viele Zukunftsthemen schlichtweg nicht.
Cogito, Zagreb, 2021

Doch ganz alleine kann man die Medienlandschaft auch nicht beschuldigen. Zu einem gewissen Teil ist sie auch bloß ein Abbild von uns. Wir sind es, die von den Medien eben diese Unterhaltung verlangen und Personen sind unterhaltender als Themen. Auch sind Individuen besser fassbar als Parteien. Und wir leben in einer Zeit, in der Dinge vor allem fassbar sein müssen. Vermutlich, weil vieles heute so fluide, so ungreifbar und für einige schlicht auch unbegreifbar geworden ist. Die großartige Band shame formulierte das mal so:
 
Cause that's what we want
That's what we need
Something we can touch
Something we can feel
Something that's relatable not debatable

Über Personen lassen sich bessere Geschichten erzählen, wir bauen (scheinbar) emotionale Bindungen zu ihnen auf. Wieso sollte ich ein Parteiprogramm lesen, ja mich gar damit auseinandersetzen, wenn ich einfach Olaf nice finden kann? Es ist allerdings eine Frage der politischen Kultur. Und wir finden, wir sollten wieder lernen sachliche und unpersönlichere Debatten zu führen – als Medien und als Gesellschaft.
 

Kein Klimaschutz ist unbezahlbar. Und: Klimaschutz geht sozialverträglich.

Das Narrativ der ökonomischen Realitäten, die zu berücksichtigen seien, das leider vor allem von Sozialdemokraten artikuliert wird, verkennt, wie Politik eigentlich eben genau dazu da ist, die ökonomisch-materiellen Realitäten eines Landes zu gestalten und idealerweise ins Bessere zu transformieren. So kombinieren die Grünen mit einem wirklich durchdachten politischem Konzept, dem “Energiebürgergeld” als Rückzahlung aus den Einnahmen der CO2-Steuer, klimapolitisch nachweislich wirksame und notwendige(!) Lenkungsinstrumente mit sozialer Gerechtigkeit. Über eine faire CO2-Steuer hat Felix noch seine Bachelorarbeit geschrieben und Jan hat bei Prof. Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in der Vorlesung zu Umweltökonomik genau das gehört.

Es gilt also erstens, kein Klimaschutz ist unglaublich viel teurer, gar unbezahlbar. Radikaler Klimaschutz jetzt umgesetzt, z. B. durch ein 500 Mrd. Euro schweren Investitionsfonds der Grünen (die dazu die Schuldenbremse durch eine „Zukunftsinvestionsklausel“ ergänzen wollen), kommt uns volkswirtschaftlich gesehen, am Ende am günstigsten zu stehen (nicht zuletzt aufgrund der Negativzinsen und der hohen Kreditwürdigkeit Deutschlands). Das sagen im Übrigen auch die sogenannten Wirtschaftsweisen die als Sachverständigenrat die Bundesregierung beraten – nicht gerade ein öko-linker Think-Tank. Und zweitens, kein Klimaschutz ist nicht nur unbezahlbar, sondern ein ungleich größerer Stresstest für unsere Gesellschaft. Eine Vermutung übrigens, warum sich die rechtsextreme AfD gegen Klimaschutz sträubt, ist, dass sie an den Verwerfungen, die durch die Klimakrise kommen, Profit schlagen kann.

Auch abgesehen vom Klimathema spielten die großen Zukunftsfragen in diesem Wahlkampf leider kaum eine Rolle. Genannt seien einfach mal Europa, China, Digitalisierung, Bildungspolitik und Außenpolitik – alles im Lichte der Erfahrungen aus eineinhalb Jahren COVID Krise und dem Scheitern in Afghanistan zumindest verwunderlich. Während um uns herum die Welt entzweibricht, gebe es eine „irreale“ Diskussion um das Für und Wider von Steuererhöhungen und Solarpaneels, so Harald Welzer im Deutschlandfunk. Oder aber es werden Personen und Koalitionsmöglichkeiten rauf und runter geritten. Wir finden, das ist symptomatisch für diesen Wahlkampf und es treibt uns wirklich auf die Palme. Wie kann es angesichts all dieser Themen sein, dass wir signifikant viel Zeit dieses Wahlkampfes damit verbringen, uns über theoretische und höchst spekulative Koalitionsmöglichkeiten zu kabbeln? Wieso wird dem so viel Platz eingeräumt? Gibt es Menschen, für die so etwas wahlentscheidend ist?
Zuhause in Amsterdam, 2021
Es ist ein interessantes Schauspiel: Umfragen sind mittlerweile schneller überholt als wir die Seiten mit den Wahlgraphen aktualisieren können. Mehr Daten bedeuten in diesem Fall leider keinen Mehrwert für die Wählerschaft und keinen Fortschritt im politischen Diskurs. Die ständige Verfügbarkeit von allem hat uns auch hier um unsere Geduld gebracht. Wir können nicht mehr warten, wir müssen eigentlich jetzt schon wissen, wer am Sonntag gewinnt. Medien verstehen dieses Verlangen und bedienen es clever, vergessen dabei aber des öfteren die großen politischen, inhaltlichen Fragen, die uns eigentlich bewegen.
 

Es ist uns ein Rätsel, das strategische Wählen. Wähle Birnen, damit du einen Apfel bekommst. Wähle uns, um Ananas mit Äpfeln zu verhindern. Wie absurd das ist. Wähle einen Apfel, wenn der Apfel dich überzeugt und ein gutes Politikangebot macht. Tatsächlich allerdings gilt das nur für die Zweitstimme, ist ja klar.
 
Wer an Kleinstparteien interessiert ist, die keine Chance haben die 5-Prozent-Hürde zu übersteigen, sollte diese vor der Wahl unterstützen, damit sich das endet, seine Stimme aber nicht verschenken. Die Parteienfinanzierung ist übrigens auch kein gutes Argument, da pro abgegebener und letztlich hinfälliger Stimme dann beispielsweise die Partei Volt nur 1–2 Euro bekommt. Das kann man besser über eine Spende regeln, die ist dann sogar steuerlich absetzbar und bringt vermutlich mehr. In Berlin könnte man mit 13 % bei sonstigen Parteien leicht Einfluss nehmen auf die Wahl zum Abgeordnetenhaus und so z. B. den Totalausfall Franziska Giffey als OB verhindern. Eine Frau übrigens, dessen Erfolg viel über die heutige SPD und Olaf Scholz erzählt.
Musik N°3
Ivan – Fotonovela

Popmusik gefällig? Hier haben Sie ein prachtvolles (italo-)disco Exemplar, ein Genre, dass ohnehin gerade eine kleine Hipness-Renaissance erlebt. 
Politik ohne Zukunft.
 
Der Diskurs um Politik blendet Zukunft oft komplett aus. Weil er es so gut auf den Punkt bringt, lassen wir dazu noch mal ausführlich Peter Unfried zu Wort kommen:

„Stattdessen immer wieder die Frage, ob etwa jemand – strenger Blick auf die Grünen-Vorsitzende Baerbock – irgendetwas „verbieten“ will. Mit diesem Spin wird der Problemlösungsversuch zum Problem, das Problem gibt es nicht mehr.“

„Ich verbiete nix, sagt dann Scholz immer staatstragend. Damit will er punkten, und vielleicht tut er das, aber es ist auch die bedingungslose Kapitulation, bevor der Kampf um unsere Zukunft überhaupt begonnen hat. Oder nicht? Darüber muss man jedenfalls sprechen und streiten, da muss man dazwischenfragen, da muss man Fachkenntnisse haben und einen Blick für das zukünftige Ganze – und das fehlt uns Journalisten zu oft.“
Strandkörbe, Sommer 2021

Das Weiter-so und junge Menschen.

Wenn Politik so verstanden wird, dass die Parteien mit ihren Programmen ein Angebot an verschiedene Partikularinteressen macht, dann wiederum sind CDU und SPD in ihren Programmen sehr konsequent. Kaum Angebot an junge Menschen und Kinder, die die Zukunft noch vor sich haben und womöglich bis ins Jahr 2100 leben.

Da die große Mehrheit der Wählerschaft über 60 Jahre alt ist (38,2 % in 2021) und damit die Wahlen sicher entscheidet, punktet man hier mit einem Dreiklang aus Rente, Arbeitsplätzen und Steuern – und macht Klientelpolitik. 

Als junger Mensch macht einen das wahnsinnig. Wir, unter 30-Jährigen stellen heute 14,4 % der Wahlberechtigten (1972: 20 %). Der demografische Wandel bringt also nicht nur unsere Sozialsysteme, sondern auch unsere Politik insgesamt in Schieflage. Gleichzeitig müssen wir die kurzsichtigen Entscheidungen der Boomer-Generation noch bis in unseren Lebensabend ausbaden. Junge Menschen werden von der Politik verraten und sind eigentlich noch gar nicht wütend genug angesichts des Ausmaßes an Zerstörung ihrer Zukunft. Dass sie dabei demokratisch kaum repräsentiert und politisch klein gehalten werden, ist nicht nur ethisch problematisch, sondern auch ein demokratisches Problem. In seiner Masterarbeit hat Felix genau darüber nachgedacht und in der Demokratietheorie nach einem Grundsatz gesucht, der eben das genannte demokratische Defizit beheben könnte.

In der Praxis hilft erstmal nur: Dialog mit den Eltern und Großeltern. Überlegen Sie doch, für Ihre Kinder zu wählen! Enkelkinderbriefe ist eine tolle Initiative, die diese Idee aufgreift. Außerdem ist perspektivisch notwendig: mehr Macht den Kindern und jungen Menschen, die viel länger mit den politischen Entscheidungen von heute leben müssen, als die älteren Generationen. Aber das ist ein ganz eigenes Thema. Schauen wir als Nächstes nochmal auf die Parteien im Wahlkampf.

Grafik von datawrapper
Musik N°4
Turnstile - BLACKOUT

Es gibt Tage, da suche ich explizit nach neuer Musik. Ich denke vor allem aus Langeweile. In den meisten Fällen bleibt davon wenig kleben, dafür ist Musik für mich zu kontext-abhängig. Das Durchforsten von Pitchfork Albumreviews ist meistens nicht aufregend genug oder ich nicht Musiknerd genug um mich allein an der Tatsache eines “guten”(was auch immer das heißen mag) Albums zu erfreuen. Aber ab und zu finde ich jedoch unerwartete Perlen, die meine recht mechanische Suche dann doch belohnen.

Das neue Album der Rockband Turnstile, Glow On, gehört dazu. Es ist laut und aufregend. Nie zu laut und auch nie zu aufregend. Wer es lauter mag, sollte mal in die älteren Turnstile Alben reinhören. Wer es aufregender mag, ist beim neuen Album von black midi (sehr aufregend!) gut aufgehoben. 
Ganz nach dem Bandnamen, nehmen die Songs auf Blackout immer mal wieder schöne Wendungen, Rhythmen werden mitten im Track neu gemischt.  Dabei hat man stets das Gefühl, dass diese vielen kleinen Schnipsel mit Liebe und Bedacht zusammengefügt wurden. Stolze 15 Songs bringt Turnstile in nicht einmal 35 Minuten unter und wenn man das Album von vorne bis hinten hört, hat man das Gefühl es wären doppelt so viele. 
Der Song Blackout ist ein schönes Beispiel für die Dynamik dieses Albums: Zwei Minuten lang geht alles einen erwartbaren Weg, bevor sich der Song in der letzten Minuten nochmal auf links dreht. “It’s just a part of my show”.

Die Parteien.

Neben den Medien hatten auch die Parteien einen Sommer Zeit, die Menschen zu informieren, was hier auf dem Spiel steht. Politische Kommunikation im Wahlkampf. Die Oppositionsparteien FDP, Linke oder Grüne hätten informieren müssen, was tatsächlich Phase ist in Sachen Weltklima also wie nah wir der Katastrophe sind. Man hätte natürlich auch als Große Koalition einfach mal reinen Tisch machen können, wo man sich doch offiziell auch zum 1,5° Ziel bekennt (wie alle demokratischen Parteien).

Die CDU hat für 16 Jahre regiert, die SPD hat für 12 Jahre regiert. Und wir stehen heute vor einem Scherbenhaufen. Neben der Klimapolitik gilt das auch für die Digitalisierung und weitere Bereiche wie öffentliche Investitionen, wie der Economist hervorhebt. Und diese beiden Parteien führen in den Umfragen.

Gedankenspiel: Man hätte ja zumindest versuchen können, für einen Neustart zu werben, um dann mit den anderen Parteien um die besten Ideen zu ringen und zu überzeugen. Sorry Leute, wir haben es irgendwie nicht gebacken bekommen. Wir haben uns leider verrannt. Wir haben die Krise nicht sehen wollen, wir haben sie weitestgehend kleingeredet. Wir haben mögliche Maßnahmen dämonisiert, alle kleinen Probleme, die auftreten könnten auf die Grünen geschoben. Nebenbei haben wir Fridays For Future und dem ausgelaugten Gesundheitspersonal applaudiert, aber mehr auch nicht. Dann hätte man sich nach vorne lehnen können und über die Inhalte sprechen können. Wer hat die ausgeklügeltesten Konzepte für diese Gesellschaft mit ihren Herausforderungen.

Das hat sich aber tatsächlich niemand gewagt: ehrlich zu sprechen. Stattdessen wird sich in Verantwortungssucherei und Ausreden verheddert. Natürlich muss so ununterbrochen das Gespräch über gestern gesucht werden. Konsequenz: Die Wirklichkeit der Klimakrise wurde weitestgehend verdeckt und führte in der Konsequenz zu einem wirklichkeitsfremden Wahlkampf. Geht es den Parteien bei dieser Wahl um Mehrheiten oder darum, den Menschen Klarheit zuzumuten?

Wenn “Klimakanzler” Olaf Scholz ernsthaft Kohlekraftwerke bis 2038 laufen lassen möchte, bedeutet das: Es ist unmöglich für uns 1,5° zu erreichen. Bis dahin ist das deutsche CO2-Budget (6,7 Milliarden Tonnen CO₂) dann nämlich aufgebraucht. Es ist unmöglich, dass Deutschland seine Klimaziele einhält. Und nebenbei raubt es noch 6 Dörfern, wo Menschen mit allem leben was sie haben (Achtung: Sie werden enteignet (!))
Heißer Sommertag in Caravaggio, 2021
Musik N°5
Paradis - Recto Verso (Mall Grab Remix)

Diese Empfehlung kommt von meinem Freund Lennart, danke dir! Paradis sind die Pariser Jungs Simon Mény und Pierre Rousseau. Die zwei brachten 2016 das Album Recto Verso heraus. Aufgenommen und gemastert wurde das Album mit Hilfe von Daft Punk. Über den Track Toi et Moi schrieb ich damals für unseren Soundtrack der Woche (SdW #68) „Super kitschiger Disko Chanson, aber irgendwie macht das Laune und Lust auf den Sommer"! Jetzt gibt es hier aber ein etwas Club-tauglicheres Update mit mehr Wumms vom Titeltrack Recto Verso. Und irgendwie hat das was, diese Balance zwischen Club und Chanson. Viel Vergnügen!

Die SPD hat genau wie die CDU jetzt 8 Jahre Klimapolitik aktiv vermieden. Die Luft ist schlecht, die Wälder sterben, die EU verklagt Deutschland wegen Nichteinhaltung der Klimaziele. Wir kommen nicht von der Kohle weg, die Erneuerbaren sind quasi komplett eingebrochen, Arbeitsplätze in Wind- und Solarbranche verschwunden, die Emissionen steigen. Um davon abzulenken, argumentiert die SPD stets, sie hätte ja gerne, aber die Union habe gebremst und verweigert. Bullshit. Die SPD hätte sich ja auch mal hinstellen können und sagen: Liebe Union, die Klimakatastrophe ist so wichtig: Wir müssen da was unternehmen, sonst steigen wir aus der Regierung aus. Hat man nicht gemacht.

Das Klimagesetz der Groko war so schlecht, dass das Verfassungsgericht eingegriffen hat mit einem historischen Urteil zur zukünftigen Freiheit junger Generationen. Es war übrigens Olaf Scholz, der damals maßgeblich einen höheren CO₂ Preis verhindert hat, gegen die SPD-Umweltministerin. Hier zeigen wir im Überblick, was laut DIW die verschiedenen Programme der Parteien mit Hinblick auf das Klimaziel des Pariser Abkommens erreichen können.

Keine der zur Wahl stehenden Parteien kommt dabei sicher mit 1,5° klar! Die Linken lehnen einen CO₂ Preis gänzlich ab. Die FDP setzt darauf, dass wir bis 2050 neue Wundertechnologie erfinden. Und die Grünen haben zwar ein ambitioniertes Programm, konnten aber keine überzeugende Sprache finden für das, was auf dem Spiel steht. Sie blieben unter ihren Möglichkeiten. Trotzdem muss man ganz klar sagen: Es gibt große Unterschiede zwischen den Parteien – hinsichtlich der Klimapolitik, aber auch hinsichtlich des Steuerkonzepts. So ehrlich muss man sein, alles andere wäre naiv. Das gilt, insbesondere auch dafür, was die seriöse Finanzierung der notwendigen radikalen Maßnahmen angeht.

Wie der Wissenschaftler Stefan Rahmstorf im Spiegel schreibt: “Bei dieser Bundestagswahl geht es darum, ob wir in den kommenden Jahrzehnten weiterhin in Sicherheit leben können” und “Die politischen Alternativen liegen dabei klar auf dem Tisch.”

Es ist eigentlich ganz einfach. Wenn wir nicht handeln, fliegt uns der Laden um die Ohren. So wie die Debatte gerade geführt wird, so wie man die Klimakrise runter bürokratisiert, ist es ganz logisch, dass Menschen mehr Sorgen um die Pendlerpauschale als vor der Erhöhung der Meeresspiegel haben. Und es ist auch logisch, dass nicht genug passiert. Aber das reflektiert in keiner Weise die Krise, in der wir sind. Stattdessen gibt es eine Rentengarantie bis 2070. Wow. Wir würden uns wirklich gerne Sorgen über unsere Rente machen. Aber die Grundvoraussetzung dafür ist Klimaschutz.

Vielleicht ist es deutlich geworden in diesem Newsletter, für die Qual dieser Wahl ist niemand allein verantwortlich. Die Medien haben eine wichtige Rolle gespielt, die Parteien haben allesamt Fehler gemacht, wenn auch zu unterschiedlichen Graden, aber letztlich sind wir es alle als Gesellschaft. Wir haben die Wahl. Wir können uns easy in Ausreden flüchten oder wir stimmen ab – nicht über Personen, sondern über politische Konzepte – über unsere Zukunft. Also, ab an die Urnen!

Musik N°6
Billie Eilish - Happier Than Ever (Album)

Wahrscheinlich kennt jeder Billie Eilish. Ehrlich gesagt hatte ich sie nicht so richtig auf meinem musikalischen Radarschirm. Ein, zwei Songs, fand ich schon super, ja. Aber mehr auch nicht. Das erste Album war im jugendlichen Schlafzimmer aufgenommen, von ihrem Bruder Finneas O’Connell gemischt worden, und avancierte schnell zum erfolgreichsten Popalbum der letzten Jahre. Im neuen Album Happier Than Ever geht es um ganz anders zu, wie auch Daniel Gerhardt rezensiert. Wer zum Album lesen möchte, kann das also hier tun. Oder man hört einfach mal rein. Ich jedenfalls finde es abwechslungsreich, hervorragend vom Sound her, und irgendwie mutig. Es wirkt nicht wie eine möglichst auf Klickzahlen optimierte Platte, sondern wie ein weiterer Schritt von Billie Eilish, die gerade mal 19 Jahre alt ist. Wow.
The end.

Das war unser zehnter Newsletter. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen. Das nächste Mal wird es jedenfalls garantiert weniger zur Bundestagswahl geben ;-) Wir freuen uns über Kritik, etwaiges Weiterempfehlen und auch über neue Abonnements. Angefangen haben wir mit dieser ersten Ausgabe hier im Mai 2020. Mittlerweile sind wir über 130 Empfängerinnen. Wer uns schreiben mag, richtet sich gerne an: newsletter@kollektivindividualismus.de. Wir freuen uns über Antworten! Und im Internet kann man stets unsere Website besuchen und abhängen. Oh, und ein Archiv mit allen bisherigen Newslettern haben wir auch.

Wir zwei wünschen allseits: Gute Wahl und ein schönes Wochenende!

Felix & Jan

💙
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