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Hamburg & Amsterdam, den 09. Mai 2021
lettre
#009
 
edition

Unter
Strom

 
Bonjour à toutes et à tous!
 
Hallo und herzlich willkommen! Schön, dass Sie auch dieses Mal wieder den Weg zu uns gefunden haben. Heute gibt es mindestens drei Gründe zu feiern.
  1. Vor gut einem Jahr haben wir begonnen, unseren Lettre zu verschicken. Geboren in wahrlich turbulenten Zeiten und kuratiert von Felix und Jan, sollte dieser Newsletter für ein kleines bisschen Freude sorgen, uns miteinander verbinden (abseits der ausgetretenen Social Media Pfade) und dazu anregen, neue Musik und neue Ideen zu entdecken.
  2. Es ist Muttertag! Ohne Mütter wären wir - richtig - nichts. Ihr seid großartig und manchmal sollte man das auch einfach mal aussprechen oder aufschreiben. Ein Hoch auf alle Mütter auf der Welt. Ihre Liebe ist es, die die Welt am Laufen hält. Loyle Carner hat diesen einen wunderbaren Song über sich und seine Mom: Sun of Jean. Tune in.
  3. Unsere ehemalige Dauerpraktikantin Pippa hat heute Geburtstag. Happy Birthday! Wir beide hoffen, endlich mal wieder mit dir gemeinsam anstoßen zu können! Hier findet sich übrigens die von ihr betreute, ur-alte Oldie Playlist, die runter geht wie Butter. Prost!
Auch gut: Der Frühling scheint sich nach anfänglichen Anlaufschwierigkeiten so langsam auszubreiten. Für viele von uns stehen nun die schönsten Wochen des Jahres vor der Tür. Endlich können wir wieder etwas frische Luft schnappen und hitzige Debattenkultur in trockener Heizungsluft gegen Brise, Balkon und Badelatschen tauschen. (Fast) alles steht unter Strom zur Zeit, so empfinden wir es zumindest. Hier kommt Ihr Blitzableiter, um bei all dem Stress um uns herum stets geerdet zu bleiben. Schnappen Sie sich also einen leckeren Kaffee, ein Pain au Chocolat oder ein kühles Bier, und genießen Sie die Sonne. Wir empfehlen dazu wärmstens die Lektüre dieser betont coolen Ausgabe unseres kleinen Newsletters. Ach so, eine Sache noch: Wir verlinken im Text immer wieder echte Perlen! Klicken Sie also gerne auf die Links (so sehen sie aus). Das machen bisher nur 16,6%, ergo verpassen 83,4% von Ihnen einiges. Die Musikempfehlungen finden sich dann auch nochmal in grünen "Boxen" als 'Multiplattformlink'. Klickt man dort, kommt man schnell zum Streamingdienst / Verkäufer seiner Wahl oder zu Youtube, um einfach nur mal reinzuhören. Helloooo!
Musik N°1
DARKSIDE - The Limit

Darkside ist göttlich gut und zurück mit neuer Musik. Gut, das ist natürlich keine völlig nüchterne Bewertung. Ich bin großer Nicolas Jaar Fan. Er ist einer der beeindruckendsten zeitgenössischen Interpreten elektronischer Musik. Es gibt keinen Musiker, dessen Kunst ich so liebe wie die von Nicolas Jaar. Er ist der einzige Musiker, der mich begleitet und umhaut, seit dem ich ihn kenne. Das dürfte so seit 2010 sein. Auf unserer Website ist er ein gern gesehener Gast, auch wenn ich mich stets in Zurückhaltung übte. Dort schrieb ich auch: "Nicolas Jaar ist ein gnadenlos begabter DJ und Produzent." Es gibt also für mich kein Vertun bei Mr. Jaar. ;-)

Zu Darkside gehören allerdings zwei Genies. Neben Nicolas Jaar eben auch der Gitarrist Dave Harrington. Allerdings trägt das hier vorgestellte Projekt unverkennlich Jaar's Handschrift. Auch im Duo arbeitet er mit Präzision an einzigartiger, organischer, elektronischer Musik. Seit seinem Debütalbum Space Is Only Noise von 2011 scheint Jaar das Interesse an geradlinigen Veröffentlichungen verloren zu haben und konzentriert sich stattdessen auf sein Label Other People, experimentelle Live-Shows und eben Musik mit Harrington.
Darkside 2014 live im Gloria Theater, Köln.
Sieben Jahre nach dem vorläufigen Aus des Experiments Darkside ("Gone too soon") sind die zwei New Yorker zurück und veröffentlichen diesen Sommer ihr zweites Album nach Psychic. Es wird Spirals heißen und erscheint vermutlich am 23. Juli 2021. Harringtons Gitarre verleiht Jaars kompliziert konstruierten Klangwelten einen volleren, polierteren Touch als sonst. Und er beherrscht es, auf brillante Art Live-Instrumente mit Elektronik in meditativen Tempi zu verflechten. Das Album Psychic entfaltete sich bereits in klassischer, in-sich-ruhender Jaar-Manier, vom eigenen, teils atemberaubenden Gesang (Track: Golden Arrow) bis hin zu den polternden Drums bei Freak Go Home und dem sonoren Stück Greek Light. Ungeschlagen ist aber vor allem der Track Paper Trails. Jaar macht ernsthafte Musik und trotzdem wird sie schnell zu einer feierlichen Angelegenheit. Unsere Empfehlung: Einfach aufdrehen und genießen.

Die musikalische Unterhaltung von Dave Harrington und Nicolas Jaar, von Rock und Elektronik, oder von Gitarre und Computer geht in eine nächste Runde. Der erste Vorgeschmack auf das Album lässt ein ähnlich immersives Hörerlebnis erahnen. Meine Erwartungen sind kriminell hoch.

Wer Darkside oder Nicolas Jaar bis jetzt noch nicht kannte: Glückwunsch! Es gibt einiges an Aufnahmen zu entdecken. Eine kleine, wenn auch unvollständige Einführung in Jaars Musik von mir gibt es hier. Außerdem hat der Herr Jaar ein Alter Ego für den Dancefloor, namens All Against Logic. Hier entlang bitte zum Tanzen.

Und damit Sie nicht ratlos und verwirrt Zurückbleiben nach so viel Lob hier etwas Orientierung: Hören Sie zunächst Paper Trails vom Album Psychic, dann The Limit - unsere Empfehlung N°1 für diesen Newsletter und Liberty Bell (Bietet ebenfalls ein Vorgeschmack auf das kommende Album).
Ziemlich unaufgeregt: An der Ostsee, 2020.
Schwerpunkt.

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass es nahezu alle Facetten unseres Lebens aktuell nur noch in ihrer extremen Form gibt? Sind wir einfach zu unausgeglichen, zurzeit? Zermürbt uns die andauernde Pandemie oder verbringen wir einfach zu viel Zeit im Internet? Oder beides? Was ist da aktuell los?

In dieser Ausgabe widmen wir uns dem Gefühl der Überladenheit, dem unter Strom stehen. Wir wagen eine rein spekulative und die sozialpsychologische Deutung der Lage und keine soziologische Analyse. Es geht eher um die Frage, wie wir uns fühlen in diesen Zeiten. Nach über einem Jahr Coronaviruspandemie sind wir stets angespannt (und das, obwohl wir zwei ein vergleichsweise komfortables Leben führen). Wir schauen aus unserem Zuhause raus in die (Online)Welt und erblicken ein bizarres Schauspiel. Eine Mischung aus Skandalen [Fernsehtipp], Skandalisierungen, Impfdiskussionen von Boomern, extremer Not, verkrampft-erkämpfter Normalität und abgekämpfter Menschen. Weniger sehen wir Menschen in Balance, im Zen. Sachliche Einordnung, visionäre Entwicklung oder einfach mal ein entspanntes, gutes Leben? Fehlanzeige. Böse Zungen (oder kluge Köpfe wie etwa Jason Hickel [Buchtipp]) würden wohl sagen, das ist einfach entfesselter Kapitalismus oder die Tyrannei des Wachstums. Das stimmt leider, ist uns aber etwas zu abstrakt. Versuchen wir mal zu beschreiben, was wir unterhalb dieser "Superstructure" so sehen.
Wir beobachten eine galoppierende Inflation der Skandalisierung und eine ständige Verschiebung des Normalen zum Extremen. Ein schönes, aktuelles Beispiel ist die viel diskutierte Dokumentation “Seaspiracy” auf Netflix. Seaspiracy ist im Grunde ein wichtiges Zeugnis unseres Umganges mit den Meeren und seinen Bewohnern, doch wirkt Filmemacher Ali Tabrizi und sein Film oft getrieben von einem Zwang zum Superlativ. Und der zieht leider auch den ein oder anderen handwerklichen Fehler nach sich. Das ist bedauerlich, denn er verspielt dadurch wertvolles und bitternötiges Kapital. Es leidet die Glaubwürdigkeit und wir stumpfen ab. Zunächst noch sahen wir, gepackt durch die spannende Musik und die intensiven Bilder gebannt zu. Noch krasser treibt es eigentlich nur “The Social Dilemma”, eine total irreführende und simplifizierende Dokumentation über die vermeintliche Manipulationsmacht von sozialen Medien. 

Das Spannungsfeld zwischen Aufmerksamkeit und Wahrheit wird immer stärker. Und leider scheint aktuell im Zweifel der oder die Lautere zu gewinnen. Wissenschaftliche Erkenntnisse oder komplexe Zusammenhänge werden so immer mehr behandelt wie Produkte, die es zu vermarkten gilt wie Handys und Fitness Studio Abos.

Wir merken das bei Corona, beim Klimaschutz, bei unserer Gesundheit und, und, und. Das führt nicht nur dazu, dass wir um den heißen Brei herumreden, sondern vor allem zu einem verzerrten Bild der Realität und zu verhärteten Fronten. Es killt letzten Endes den Diskurs. Wir verstehen dann vor lauter TedX Vereinfachung leider am Ende nicht, wie wir komplexe systemische Probleme - mit der nötigen Ruhe - angehen können. 

Wir verlernen durch diese aufgeputschte Redbull-getränkte Erregtheit abzuwägen, eine gewisse kritische Distanz zu den Dingen aufzubauen und einen klaren Kopf zu behalten. Beim Kauf eines iPhones mag das Teil der Experience sein, doch über die dramatischen(!) Folgen unserer tierischen Ernährung möchten wir gerne etwas beherrschter diskutieren. Ein schöner Kontrast zu den reißerischen Dokumentationen von Netflix ist das Angebot von Arte. Dort findet man sehr oft spannende und sachliche Auseinandersetzungen mit eben jenen relevanten Themen. Übrigens auch viele “junge” und frische Formate zu aktuellen Themen. Balsam für die Seele und Futter für den Geist. Und zumindest ein Hauch von analytischer Grundsätzlichkeit.
Auf dem Weg nach Noord, Amsterdam, 2020.
Arte Watchlist.

Ein bis drei Doku-Tipps von uns:
  • Es war einmal Irak. Die dreiteilige Arte-Dokumentation behandelt den Irak unter Saddam Hussein, den Einmarsch der "Koalition der Willigen" im Jahr 2003, den Sturz Saddams, den jahrelangen Krieg, die Entstehung der Terrororganisation "Islamischer Staat" bis hin zum heutigen Irak. Einschaltbefehl! ;-)
  • The Cleaners. Erkunden Sie die Schattenindustrie der "Content-Moderatoren", die von Silicon Valley-Bossen angeheuert werden, um zu überwachen, was wir online sehen. Obwohl Tristan Harris, der bekannteste Prodigal Tech Bro auftritt, ist dieser Film sicherlich besser geeignet als The Social Dilemma, um Hass und Fake News online zu verstehen.
  • Arbeit auf Abruf. Nie mehr Feierabend, das versprechen Uber und Deliveroo! Warum war das eigentlich kaum Thema am 1. Mai in Berlin??? Stattdessen wirklich nur Kopfschütteln. Was war das für ein 1. Mai? Aber noch mal zurück zu Lieferando und Co. Wir sollten uns den Irrsinn der Gig-Economy zum Anlass nehmen, mal mehr über Arbeit, Niedriglöhne und Ess-/ ToGo-/ Bestellkultur nach zu denken. Ist aber auch noch mal etwas für einen eigenen Newsletter.
Musik N°2
DJ Koze - DJ Koze Presents Pampa, Vol. 1

Diese Compilation habe ich vor Kurzem wieder neu entdeckt. Ich würde gerne sagen: “Ich habe sie aus der alten Kiste mit den schon lange vergessenen CDs herausgeholt”, aber das bleibt leider eine Wunschvorstellung. Ehrlich gesagt warfen mir die Spotify Algorithmen diese tolle Platte wieder vor die Füße. Lassen wir diese kleine Beobachtung mal so stehen und widmen uns wieder dem Hervorgebrachten. DJ Koze ist eine Koryphäe deutscher Techno Musik, Labelchef (Pampa Records) und einer jener Techno Künstler, die den Spagat zwischen düsterer, verschlossener Berliner Club Szene und großer Mainstreambühne relativ reibungsfrei und ohne großen Gesichtsverlust hinbekommen. Die Liste der Künstler, die DJ Koze hier unter einem Dach vereint, spricht für sein Standing: Roman Flügel, Mount Kimbie, Jamie XX oder Acid Paul mischen sich mit Label Künstler wie Sophia Kennedy, Die Vögel oder Isolée.
Der Sound passt gut in diese Jahreszeit. Ideal, um die ersten richtigen Sonnenstunden des Jahres draußen zu genießen. Ein wenig Melancholie schwingt doch mit, wenn es mal etwas zügiger wird und man sich in einen Club oder wenigstens in einen schönen Biergarten wünscht. Hoffen wir, dass wir so ne Musik bald nicht mehr nur im eigenen Zimmer hören müssen.
Rosa Resonanz.
 
Es ist doch irgendwie bescheuert gerade. Eigentlich hätten wir jetzt mehr Zeit, um zur Besinnung zu kommen, mehr Zeit für das Wesentliche. Aber es fällt uns schwer, diese Zeit zu nutzen. Statt zu lesen, surfen wir durch soziale Medien, die das Gefühl der Rastlosigkeit weiter bestärken. Hartmut Rosa sagt darüber in einem lesenswerten Interview in der taz vom Wochenende: “Wir tun also Dinge, die kurzgetaktete hohe Stimulationsdichte bei niedrigem Resonanzwert liefern.” Rosa gibt zu, mittlerweile selbst bescheuerte Videos zu schauen. Ja, genau der Intellektuelle, der Resonanz- und Gesellschaftstheoretiker Rosa schaut Katzenvideos. Also, stay cool. Er beschreibt, wie die Pandemie in vielerlei Hinsicht die dystopischen Potenziale der kapitalistischen Moderne steigert und zugleich eine Beschleunigung der Zeit und eine Entwirklichung des Raums und des Sozialen bewirkt. So sind wir also doch wieder bei unserer Superstructure Kapitalismus gelandet. Pardon.

Wir merken das jetzt besonders heftig, weil soziale Interaktionen fast vollständig wegfallen oder zumindest stark eingeschränkt stattfinden. Was uns fehlt, sind vor allem ungeplante soziale Interaktionen und Berührungen mit anderen. Rosa nach bewirkt das einen dramatischen psychischen Energieverlust. Wir sind also super aufgeladen, gar überladen, und gleichzeitig fehlt uns Energie. Nehmen wir diese Gedanken ernst, folgt, dass wir neben dem European Recovery Programme, dem ökonomischen (und hoffentlich) auch ökologischen Wiederaufbau, als Gesellschaft auch kräftig in den nicht materiellen Wiederaufbau investieren müssen! Das betrifft alle, aber ganz besonders junge Menschen wie Schüler, Studierende, Auszubildende - Gruppen, deren Interessen während der Pandemie weltweit marginalisiert wurden.
Musik N°3
Iliona – Moins Jolie & Reste

Musik und Poesie kombiniert zu modernem, französischen Chanson. Die junge Iliona erinnert an die französische Sängerin Barbara, die Ilona auch als großen Einfluss bezeichnet und die wir hier auch schon gefeatured hatten. Oder ist sie die neue Angèle? Jung, begabt und ebenfalls aus Belgien hinaus auf die Bühne der francophonen Welt getreten. Mein Tipp, der mich fast zum Weinen gebracht hat, lautet Moins Jolie - so sehr hat er mich gerührt. Vielleicht lag’s auch am Moment, aber ne gewisse poetische Wucht haben der Text und die Stimme von Illiona allenfalls.
C'est le jour où l'été est arrivé
Le jour où nous avons rangé nos ratés
Comme l'on jette parfois du mobilier abîmé
On a déposé notre amour sur un trottoir du quartier
Alors sans cri, nous avons ri
Comme pour couvrir le bruit de nos sanglots
Timidement, on s'est dit "restons amis", comme si c'était beau
 

Wer es elektronisch-poppig mag, dem sei auch der Song Reste empfohlen (Triggerwarnung: Autotune).

"Mêlant le piano et l'autotune avec délicatesse, Iliona est l'une des révélations musicales de l'année!"
Genuss der vegetarischen Ikea Hotdogs auf dem Parkplatz während der Pandemie in Frankreich, 2020.
Leben am Limit.

Gerade in so aufgewühlten Zeiten zeigt sich die Flucht zum Extremen sehr häufig. Dabei geht es uns nicht um eine stärkere Polarisierung des Inhaltes an sich, sondern um die Art und Weise, wie dieser Inhalt verarbeitet, viel wichtiger; bewertet wird. Kommentare und Reaktionen zu Beschlüssen und Realitäten in der Corona Krise sind oft niederschmetternd oder hochlobend. Es ist eine Geschichte, wie die Mücke zum Elefanten wird. Eine falsche Entscheidung ist im null Komma nichts zum handfesten Skandal aufgeputscht. Eine kleine Nettigkeit macht einen zum Retter der Menschlichkeit.

In erster Linie ist dabei problematisch, dass man dadurch den Blick für die wirklich schlimmen Dinge oder für die wirklich außerordentlichen Errungenschaften verliert, die es schließlich zu bekämpfen oder zu verteidigen gilt. Denken wir nur kurz an die haarsträubende Ungleichverteilung von Reichtum, die sich durch die Pandemie weiter verstärkt oder den Grad an demokratischer Freiheit, den wir genießen (um auch etwas positives zu nennen). Wir verschieben also stetig unseren Referenzpunkt, wir leben nur noch am Limit. Infolgedessen müssen wir immer neue Superlative aus dem Hut zaubern, wenn etwas mal wirklich besonders herausragend ist. Umgekehrt heißt das, dass wir in die Bredouille kommen, wenn wir auf etwas stoßen, das unsere schöne, einfache Weltordnung erneut durcheinanderbringt. Was tun, wenn wir die Mücke zum Elefanten gemacht haben und nun auf einen Hund stoßen? Scheinbar völlig ohne Not berauben wir uns der Ordinalskalen und vermengen ganz nebenbei alles zu einem großen Einheitsbrei. 
Dieser Verlust ist folgenreich, denn er hindert uns daran, gezielt und differenziert zu denken, zu diskutieren und dann auch effektiv zu handeln. Diese Welt ist leider (oder zum Glück?) nicht in eine Handvoll allgemeiner Wahrheiten aufzuteilen. Es ist kompliziert. Und deshalb sollten wir einen Diskurs und einen Politikstil vermeiden, der diese Tatsache ignoriert.

Entspannen Sie sich, denn dann sind Sie im Vollbesitz ihrer Kräfte.
Frühlingssonne tanken in Paris, 2018.

Featured Playlist
 

Wir sammeln ja unsere Musikempfehlungen auch in dieser Spotifyplaylist hier. Darüber hinaus haben wir aber auch ein paar weitere Playlisten im Angebot. Unser Account auf Spotify heißt Kollektiv Individualismus Crew und freut sich über Follower!

An dieser Stelle im Newsletter möchten wir zukünftig immer mal wieder eine Playlist vorstellen. Dieses Mal gibt es eine große Packung Liebe aus dem Jahr 2018: L'amour toujours.

Playlisten sind ne feine Sache und repräsentieren heute im Prinzip das, was früher Schallplatten bedeuteten: ne Aneinanderreihung von Musik. Damit man hören kann und nicht mit klicken beschäftigt ist. Unsere Playlisten sind handverlesen, regional und bio. Schauen Sie doch mal vorbei.

 
Nuancen.

Wir tendieren mehr und mehr dazu, nur noch in Schubladen zu denken. Die Kategorien, die dieses Schubladendenken prägen, werden außerdem immer generischer. Zu Ende gedacht führt das zu einer binären Welt nicht nur im digitalen Raum. Wir vergessen das Spektrum. Doch macht uns das nicht gerade aus? Anders als die (meisten) Computer können wir sehr wohl einen Zustand zwischen 0 und 1 einnehmen. Das ist doch die Schönheit des Natürlichen. 

Wir dürfen nuancieren. Kommen Sie mit in das Dazwischen. Wir müssen also den Zwischenraum wieder für uns entdecken oder, wie oben angerissen, wieder lernen, zwischen den Polen zu navigieren. Zwischen schwarz und weiß auch wieder Grautöne sehen. Das tolle ist, dass sich darin die ganze Schönheit dieser Welt versteckt. Es ist der Nährboden für das Besondere. Nur durch das Normale [letzter Newsletter], das Alltägliche, wird das Besondere zu etwas Großem.

Wer mag, kann überigens mit diesem tollen Artikel hier nochmal in die Normalitätsdebatte von unserem letzten Lettre einsteigen.
Heiße Luft auf Knopfdruck in Mainz, 2019.
Musik N°4
James Blake - Before

Wahrlich ein Genie, das hier spät zu seiner Ehre kommt. James Blake ist in vielerlei Hinsicht interessant. Seine Musik ist intelligent, ruhig, bass geschwängert, sinnlich und inspirierend gleichzeitig. Mit seinem Verständnis von Pop-Musik hat Blake Genregrenzen zum bersten und eine ganze Generation zum Schweigen gebracht. Auf eine besondere Art und Weise verliert man sich ganz in seiner Musik und kann sich darin quasi auflösen.

Der geniale britische Kulturtheoretiker Mark Fisher, Autor von Capitalist Realism [Buchtipp], schrieb vor einigen Jahren über Blake, dass seine Musik einem Gespenst gleiche, das im Verlaufe seiner Platten immer mehr Form annähme. Das ist eine schöne und sicher auch passende Metapher für das was Blake macht. Dann gibt es Lob von Feist, dessen Limit to your Love von Blake grandios neu interpretiert hat: „Er hat mit seiner Musik einen ganz eigenen Kosmos erschaffen“, schwärmte sie 2011 in einem Interview. „Seine Version von Limit To Your Love ist keine Kopie, sondern im Grunde ein neuer Standard wie Fly Me To The Moon von Frank Sinatra.“ Ein Ritterschlag, auf den viele weitere folgten. Künstlerfreundschaften zu Kanye West, Mount Kimbie und Bon Iver sind da gar nicht mehr so überraschend.
Fängt das Leben im Lockdown ein. Blake in seinem Heimstudio, wo er den Titeltrack aufnimmt, zusammen mit Aufnahmen von Tänzern, die in ihren jeweiligen Wohnungen tanzen.
Das 2019er Album Assume Form von Blake war eine romantische, emotional offene Neukalibrierung seiner Musik. Jetzt erleben wir wieder einen ein bisschen anderen James Blake. Liebevolle Balladen, Club Charakter und Wohnzimmertanz finden harmonisch zusammen in James Blake’s neuestem Release Before. Für mich ist James Blake einer der innovativsten und bahnbrechendsten Künstler unserer Epoche. Er kombiniert seine ganze Packung eigener Verletzlichkeit, Fragilität und Unsicherheit mit Männlichkeit mit einer wuchtigen musikalischen Entwicklung voller kreativer Elemente.

Modus: Einfach hinlegen, Augen schließen und mit voller Wucht aufsaugen. Es empfiehlt sich wirklich einfach drei komplette Alben als Gesamtkunstwerk durchlaufen zu lassen.

EZB und Spamfilter.

Uns scheint, unsere Diskurse würden immer schärfer geführt. Es geht um das Aufregen, es geht um den Skandal, um den größtmöglichen Aufschrei. Warum der sprichwörtliche Vergleich mit der galoppierenden Inflation? Inflation deshalb, weil ähnlich zum Geldsystem mit Erhöhung der (Geld oder Skandal)Menge im Verhältnis zur Produktion (politische Diskurse oder wirtschaftlichem Output - wir sind jetzt mal so brachial) eine Entwertung stattfindet. Galoppierend deshalb, weil Inflation per se nicht gut oder schlecht ist, sondern im gesamtwirtschaftlichen Kontext betrachtet werden sollte. Die EZB hat das Mandat für Preisstabilität zu sorgen und strebt an, die Inflation im Euroraum, also die Preissteigerungsrate, unter, aber nahe 2 % beizubehalten. Inflation ist also dann gefährlich, wenn sie überhand nimmt.
 
Long story short: Wir behaupten, dass wir uns gerne aufregen, aber dass wir dadurch auch den Blick auf wesentliche reale Probleme verlieren. Also ein bisschen Skandal gerne, aber das richtige Maß ist wichtig. Wir wollen uns schon aufregen können, aber halt nur, wenn es das auch wert ist.
 
Ist Überforderung eine Erklärung? Ist es einfacher zu skandalisieren, als sich richtig mit dem Problem zu befassen? Vermutlich schon! Vermutlich werden wir auch dazu verleitet durch Aufmerksamkeitsökonomie und Social Media. Unsere Leben finden wahlweise mehr und mehr als BILD-Titel oder Instagramstories statt. Klar, denn alles und jeder, dem wir begegnen buhlt um den wichtigsten Rohstoff unserer Zeit: unsere Aufmerksamkeit. Und die lässt sich halt leider einfacher mit (vermeintlichen) Skandalen triggern. Wir müssen also unsere Spamfilter neu justieren. Es ist wichtiger denn je, Störsignale vernünftig zu filtern, Dinge in ihren richtigen Kontext rücken zu können. Oder sich einfach mal disconnecten, den Stecker ziehen, neu kalibrieren. Das hat auch etwas mit Lässigkeit zu tun. Dinge annehmen, nüchtern betrachten, locker bleiben. Das sagt sich natürlich leichter, als es oft zu sein scheint, gerade jetzt, doch es hilft.

Bis bald!

 
Felix & Jan
Musik N°5
Fazer - Mara

Achtung JAZZ! Gab es jetzt länger nicht mehr aus unserer Hand. Fazer ist eine Jazzgruppe aus München. Die Band kombiniert afrikanische und lateinamerikanische Rhythmen mit tiefen Basslines und melancholischen Melodien. Klingt ganz schön britisch. Afrobeat ist hip: Vor allem in England experimentieren derzeit mehr junge Bands denn je mit funkigen Blasinstrumenten und komplexen Rhythmen. Die Trompete dagegen versprüht eher einen Hauch Cool Jazz. "Polyrhythmic sophistication that is rarely heard with this delicacy", schreibt Jazz Thing. Lassen wir jetzt mal so stehen. Nächste Anspielstation: Das Album Nadi.
Ganz entspannt: Lolo auf Felix Terasse in Amsterdam, 2020.
The end.

Das war unser neunter Newsletter. Wir hoffen, es hat Ihnen gefallen, denn wir sind stets bemüht hier etwas Cooles abzuliefern. Wir freuen uns über Kritik, etwaiges Weiterempfehlen und auch über neue Abonnements. Newsletter haben nach wie vor etwas von Spam, Werbung, Nötigung. Leider, denn damit wollen wir nichts zu tun haben. Vielleicht können wir das ja gemeinsam ändern? Angefangen haben wir mit dieser ersten Ausgabe im Mai 2020. Mittlerweile sind wir über 120 Empfängerinnen. Wer uns schreiben mag, bitte an: newsletter@kollektivindividualismus.de. Wir freuen uns über Antworten! Und im Internet kann man stets unsere Website besuchen, abhängen und staunen. Oh, und ein Archiv mit allen bisherigen Newslettern haben wir auch.

Und jetzt rufen wir noch: Da capo!
Encore
Red Hot Chili Peppers - Venice Queen

Auf der Rückbank einen Kasten Gaffel Wiess, heißer Stoff aus der Domstadt, wie ich aus verlässlicher Quelle erfahren habe, im Fußbereich eine Mischung aus Gartenschere, alten Masken und Wechselklamotten. Wir sitzen in einem kleinen Elektroauto, dass 2015 mal ziemlich futuristisch aussah, doch heute sicher keinen Designaward mehr gewinnen wird. Anthony Kiedis fängt an zu rappen (kann man das so nennen?), leise, aber flott surren wir durch die Straßen. Irgendwann haben die Red Hot Chili Peppers dann genug von ihrem Rap Ausflug und fangen den Song einfach noch mal von vorne an. Wir drehen die Anlage weiter auf, der Akku ist gut gefüllt. Ein dreckiges Elektroauto, ein bisschen gute Musik und zwei gute Freunde.
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Bildcredits: © Felix Vieg © Felix Vieg © Jan Nitschke © Felix Vieg © Iliona/ youtube.com © Mara Bosanac © Felix Vieg © Spotify Screenshot © Jan Nitschke © Felix Vieg

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