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The NeWoS | Juli 2022
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Kuratiert von:  Dr. Anja C. Wagner   | FROLLEINFLOW 
Die Grundidee ist folgende: Die üblichen 40 Arbeitsstunden pro Woche sollen auf 42 Stunden angehoben werden. Durch die zweistündige Aufstockung soll der „demografisch bedingte Verlust an Arbeitsvolumen“ kompensiert werden. Das schilderte Ökonom Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus Köln, gegenüber der WAZ.

Auch der frühere Vizekanzler Sigmar Gabriel scheint von der Idee überzeugt zu sein und weist darauf hin, dass die Verkürzung der Arbeitszeit vor mehr als 25 Jahren mit der damals steigenden Arbeitslosigkeit begründet worden sei. "Wollen wir Menschen nicht lieber wieder mehr verdienen lassen, indem wir etwas länger arbeiten?“, wird er von der Bild am Sonntag zitiert. „Das ist eine Frage, die man in Tarifverhandlungen klären muss, denn mit Zuwanderung allein werden wir das Fachkräfteproblem nicht lösen.“
DAS ARBEITSVOLUMEN
Eines meiner Lieblingsthemen ist die merkwürdig verkürzte Sicht auf das Arbeitsvolumen. Grundsätzlich markiert das Arbeitsvolumen die Anzahl bezahlter Arbeitsstunden. 

Wie man der Statistik entnehmen kann, waren diese über die Jahre seit der Wiedervereinigung verschiedenen Schwankungen unterlegen. Wenn wir aber das Jahr 1991 und 2021 vergleichen, dann ist die Summe des offiziell bezahlten Arbeitsvolumens mehr oder weniger auf demselben Niveau. Es ist nicht wesentlich gestiegen, obwohl immer mehr Erwerbstätige in den Arbeitsmarkt einstiegen (orangene Linie).

Das liegt daran - und wir erkennen dies am Verlauf der grünen und roten Linie -, dass der Anteil der Vollzeitjobs zurück und die der Teilzeitjobs angestiegen ist. Also, immer mehr Menschen (v.a. auch Frauen) arbeiten heutzutage, aber immer weniger Menschen davon in Vollzeit. 
DIE PRODUKTIVITÄT
Gleichzeitig stieg die Arbeitsproduktivität pro geleisteter Arbeitsstunde an. Das bedeutet, dass immer weniger Arbeitskraft erforderlich ist für immer mehr Wertschöpfung.

Mit anderen Worten: Das bereinigte Bruttoinlandsprodukt stieg ordentlich. Es gab immer mehr Geld zu verteilen - zumindest theoretisch.   
DIE UNGLEICHHEIT
Denn dummerweise stieg die Ungleichheit in der Einkommensverteilung erheblich an, zuletzt sehr deutlich sichtbar in der Corona-Phase.

Zur Erläuterung: Der Gini-Koeffizient ist eine Maßzahl zwischen 0 und 1 zur Beschreibung der Ungleichheit einer Verteilung. Je ungleicher die Verteilung ist, desto näher liegt der Wert bei 1. Bei Gleichverteilung hat der Gini-Koeffizient den Wert 0.

In Deutschland ist derzeit das Einkommen ungleicher verteilt als im EU-Durchschnitt. 

Fassen wir das alles zusammen:
  1. Die Arbeitsproduktivität stieg in den letzten Jahren deutlich an. 
  2. Gleichwohl blieb das Arbeitsvolumen auf vergleichbarem Niveau.
  3. Dennoch wurden immer mehr Menschen mit bezahlter Arbeit versorgt. 
  4. Davon arbeiten zunehmend mehr "nur" Teilzeit, was unter Rentengesichtspunkten problematisch ist.
  5. Zudem ist ein Zuwachs niedrig qualifizierter Jobs zu verzeichnen. Es herrscht Arbeiterlosigkeit. Viele Menschen werden in der Gastronomie, im Hotelgewerbe, für das Flughafenpersonal, als Kurierfahrer*innen etc. gesucht. Ihr kennt das.
  6. Auf der anderen Seite ist ein Fachkräftemangel in den für die wirtschaftliche Transformation wichtigen Branchen zu verzeichnen, die gut dotierte Jobs bereithalten.
  7. Damit wächst die Einkommensungleichheit im Vergleich zum EU-Durchschnitt immer weiter deutlich an.
MEIN FAZIT
Immer mehr Menschen verfügen nicht über die für qualifizierte Facharbeit in Zukunftsjobs benötigten Skillsets. Das ist seit langem bekannt. 

Aus Sicht des in der Politik beliebten Arbeitsmantras macht das auch nichts, weil es immer mehr Arbeit im Niedriglohnsektor gibt. Das Arbeitsvolumen bleibt also weiter stabil auf hohem Niveau. Zumal in Deutschland die digitalen Effizienzgewinne überschaubar bleiben.

Damit sind wir am zentralen Punkt: Deutschland, aber auch weite Teil der EU, arbeiten gerne manuell. Sie schieben Aktenberge vor sich her, organisieren sich digital weiterhin wie in den 1990er Jahren und suchen deshalb kaum nach smarten, neuen Prozessen. Sie wissen es zumeist gar nicht besser, weil sie moderne Arbeitstechniken gar nicht kennen. Deshalb braucht es weiterhin kafkaesk viel Personal, die schön in die Sozialversicherungen einzahlen. Zwar zu wenig, um das Umlagesystem zu refinanzieren, aber das Mantra kann man damit aufrechterhalten: Alle sollen noch mehr arbeiten, damit sie mehr verdienen!

Nun kann man zwar die Wochenstunden für die Jüngeren anheben, damit sie noch 2h mehr manuelle Arbeit im traditionellen Stil leisten und den demografischen Wandel damit abfedern helfen. Aber ob dies unbedingt dazu führt, die Motivation für eine zeitgemäße Weiterqualifizierung aufzubringen, bleibt mindestens fraglich.

Mittelfristig wird man diese Probleme nur über eine smarte Prozessbeschleunigung auf digitaler Basis bewältigen können. Auf transformative Lösungssuche gehen müssen, sodass wir deutlich weniger manuelle Arbeit leisten, uns entspannen und lernen können, damit wir gemeinsam eine nachhaltige Welt aufbauen helfen. Ob die Boomer*innen an den hierarchischen Stellen ihre nachfolgenden Generationen darauf vorbereiten können? Es ist leider zu bezweifeln. 

Arbeit kann und wird, früher oder später, deutlich effizienter durch Automatisierungen, digitale Prozesse und neue Verfahrenstechniken erfolgen, im zunehmenden Mix aus Maschinen und Menschen. Darauf sollten wir uns vorbereiten und nicht die ollen Kamellen immer wieder hervorziehen, damit noch mehr Arbeitsleistung in noch mehr Ungleichheit münden kann. Wir brauchen endlich ein transformatives Denken und Handeln.
EIN BEISPIEL?
Eigentlich wollte ich in diesem Newsletter von etwas ganz anderem berichten.

Weil ich dazu einen Artikel aus der Bibliothek vorab lesen wollte, mein Ausweis abgelaufen war, mir das System aber nur kommunizieren wollte, dass ich zur Auskunft müsse, schwang ich mich auf's Rad und radelte dorthin.

Ich ging zum Schalter für die Ausweise und fragte, was los sei mit meiner Karte - und die Dame verlängerte mir den Ausweis kurzerhand. Ich fragte, warum man dies nicht online erledigen könne. Sie meinte, das ginge. Ich sagte, nein, ich hatte ja versucht, mich einzuloggen, aber ich wäre ja gar nichts ins System gelangt. Sie meinte, weil der Ausweis eben eine Verlängerung brauchte. So ging es hin und her, sie verteidigte weiterhin tapfer und zunehmend unwirsch das System. Während ich darauf beharrte, so etwas online erledigen zu wollen.

Nun, daraufhin wollte ich die Gunst der Stunde nutzen und die Beratungskompetenz der ausgebildeten Bibliothekarin nutzen, weil ich mich mit dem Artikelfund online eh schwertat. Dafür war sie aber aktuell nicht zuständig, weil man dazu an den Informationsschalter gehen solle.

Ich schreitete also durch die Halle und nahm die Dienstleistung dieser freundlichen Dame entgegen. Sie suchte beharrlich in ihrem Computer, bis sie fündig wurde, was einige Zeit in Anspruch nahm. Und was auch niemanden störte, weil außer mir niemand Beratungsbedarf hatte. Ich nutzte derweil die Zeit, ihren Arbeitsplatz aufmerksam zu studieren und überlegte, was sich in den letzten 20 Jahren an diesem Schalter wohl verändert hatte.

Vielleicht gab es vor einigen Jahren mal einen neuen Bildschirm oder Drucker, aber ansonsten konnte man nicht bemerken, im 21. Jahrhundert zu sein.

Sie war nett und freundlich, ermöglichte mir Zugang zu dem Artikel, den ich an anderer Stelle kommentieren werde, aber wenn die digitalen Interfaces smarter wären, könnten die suchenden Menschen dies selbst erledigen.

Ich bringe es kaum über die Lippen, aber diese persönliche Ansprache ist heutzutage kaum mehr erforderlich. Es ist angenehm, ja. Aber erforderlich? Nein. Man könnte die gesamten Prozesse besser organisieren.

Nur gut, dass Deutschland keine Digitalisierung beherrscht. Sonst käme das Arbeitsmantra ins Schwanken. Und die Zahlungen aus dem alljährlichen Haushalt zur Begleichung der Rentenlücke würden noch gravierender steigen. 

So, damit soll es das für heute gewesen sein. Im August machen wir etwas Sommerpause, damit wir ab September wieder mit frischer Energie in den Herbst starten können.

Macht es gut, passt auf Euch auf und bis die Tage,
Anja

P.S. Da ich es gestern Abend erst richtig realisierte: Die humorige @hamster44 aus Frankfurt/M. ist im April leider verstorben. Ruhe in Frieden! Du fehlst uns allen. 🖤
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LERN-TIPP
How to Learn Math: For Students
How to Learn Math is a free self-paced class for learners of all levels of mathematics. It combines important information on the brain with new evidence on the best ways to approach math effectively. Many people have had negative experiences with math. This class will give learners of math the information to become powerful math learners, correct any misconceptions about what math is, and will teach them about their own potential to succeed.

Von Jo Boaler, Stanford University
BUCH-TIPP
Übrigens: Ich piqe weiterhin - schaut doch mal vorbei.
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